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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Wien, 18. November 1826, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1826.g., Bl. 162-167v 1826

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3059
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Ottenfels-Gschwind, Franz von
AusstellungsortWien
Datum18. November 1826
Handschriftl. ÜberlieferungHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1826.g., Bl. 162-167v
Format/Umfang12 eighd. beschr. Seiten
IncipitIch kan mich von meiner letzten Unpäßlichkeit
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Wien, 18. November 1826 Wien den 18 November. 1826. Ich kan mich von meiner letzten Unpäßlichkeit immer noch nicht recht erholen, und muß daher fortdauernd Quarantaine halten. Da [es] meine Thätigkeit dadurch weiter nicht gehemmt, eher befördert wird, so mache ich mir nicht viel daraus. Als ich am vorigen Posttage unterbrochen wurde, war ich en train, Ihnen die Gründe zu entwickeln, die mich über eine fernere gewaltsame Einmischung Rußlands in die Griechische Pacifications-Sache beruhigten. Ich hatte über diese Frage in den letzten vier Wochen mit dem Fürsten, der sich aus gewissen Indizien fest überzeugt hielt, daß es zu einem solchen Schritt kommen könnte, und eine nahe Communication <des> Englischen und Russischen Cabinets in diesem Sinne besagte mehr als einen Kampf bestanden. M e i n e Meynung war unverändert die, daß Rußland sich in dies neue Projekt n i c h t einlaßen würde; und das zwar, obgleich nach dem bereits geschehnen, von dieser Seite alles Schlechte zu erwarten seyn mag, - weil das offenbare I n t e r e s s e des Kaysers, und hienächst seine bestimmte Abneigung, // sich mit der Continental-Allianz, und nahmentlich mit uns zu entzweyen, sein tiefgewurzeltes Mißtrauen gegen England und besonders gegen Canning, endlich doch auch eine gewisse Scham, wenn er sich erinnerte, wie er gleich im Anfang seiner Regierung über die Sache der Griechen gesprochen, ihn nothwendig zurück halten mußte. Daß dies meine Ansicht war, mag Ihnen unter andern der Französische Brief, den ich Ihnen mit voriger Post adressirte, beweisen; und zu meiner nicht geringen Zufriedenheit ergiebt sich jetzt schon, daß ich nicht falsch geurteilt hatte. Da Sie durch einen Französischen Courier, der einige Tage früher als der gegenwärtige zu Ihnen gelangen mußte, die vorläufigen Nachrichten, die wir aus Berlin und Petersburg erhielten, ersehen haben werden, so kan ich mich von allem fernern Raisonnement über diese Frage dispensiren. Es ist klar, daß der Kayser durchaus nicht Willens ist, seinen - nur allzu vortheilhaften Frieden mit der Pforte, den Griechen zu Liebe, zu brechen; daß er n u r in dem Falle, wenn die Türken das Ultimatum von // Ackerman n i c h t angenommen hätten, auch diese Sache v e r m u t h l i c h (denn selbst das ist mir nicht ganz erwiesen) zur seinigen gemacht haben würde; daß aber, wie die Dinge jetzt stehen, England unfehlbar allein darin stecken bleibt, wenn es sich nicht noch schnell genug, und ehe er seine ganze politische Reputation aufs Spiel setzt, zurück zieht. George Canning ist ein Mensch, dem <ich> wie ich ihn heute kenne, jede Demüthigung, ja selbst jeden Schimpf und Spott von Herzen gönne, und über dessen Sturz (der v i e l l e i c h t weniger entfernt ist, als man seit einiger Zeit glaubte) das wohlgesinnte und augeklärte Europa ein allgemeines Jubellied anzustimmen haben wird. Gleichwohl kan ich mir nicht verbergen, daß das Russische Cabinet auch diesen verderblichen Minister mit beyspielloser Treulosigkeit behandelt hat, und daß dessen Unterhandlungen mit England ein würdiges Seitenstück zu den Gaukelspielen in Ackerman waren. Es gereicht mir zu einem besondern Triumph, daß nach so mancherley wechselnden Constellationen, das Protokoll vom 4ten April z u l e t z t doch, wie i c h es vom ersten Augenblick an (nicht // immer mit meinem hohen und theuren Gönner einig) beurteilt <und g e n a n n t> hatte, als ein enfant mort-né, zur Schande der Europäischen Diplomatie in Spiritus aufbewahrt, neben einigen andern Monstris seinen Platz in politischen Antiquitäten-Cabinettern einnehmen wird. Wenn es in der Zwischenzeit zuweilen den Anschein gewann, als ob denn doch in dieser elenden Transaction etwas mehr Realität und etwas mehr Gefahr läge, als ich geahndet hatte, so bitte ich Sie, wohl zu bemerken, daß dies auf einer Illusion beruhte, wozu der Schlüssel bis jetzt nur wenigen Personen gegeben ist. Die Intimität zwischen Rußland und England, die von dem Zeitpunkt der Rückkehr des Grafen Lieven nach London begann, war keinesweges eine Folge des Protokolls vom 4ten April, sondern die Frucht eines nagel-neuen, förmlichen C o m p l o t t e s, welches zwischen London und Petersburg von Canning, Nesselrode, Lieven und einer v i e r t e n Person, welche wohl die Seele des Ganzen war, angesponnen wurde. Ich habe über dieses mystère d'iniquité Data, die ich Ihnen gelegentlich gern mittheilen werde. Auch dieser Kunst-Bau wird nun zusammen stürzen; // die Leutchen haben ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht. Der Kayser Nicolas ist ein Herr, der das P o s i t i v e und S u b s t a n z i e l l e liebt, und nach diplomatischen Intriguen wenig frägt, wenn sie seinem Vorteil und seinen Absichten nicht entsprechen. Daß übrigens die beyden Cabinette einander fortdauernd wechselseitig betrogen haben, gereicht ihnen zwar zu keiner Ehre, uns aber, die wir noch an Rechtlichkeit und Moralität glauben, zu e i n i g e m Troste; neque lex est justior ulla, Quam necis artifices arte perire sua.Ich sehe aus Ihren Berichten mit großem Wohlgefallen, daß Sie Sich bisher so passiv als möglich verhalten, mithin im wahren Sinne den Instructionen des Fürsten, auch bevor Ihnen diese noch genau bekannt waren, gehandelt haben. Der Fürst hält es für m ö g l i c h, daß Canning, wenn er die neue Wendung der Dinge in Petersburg erfährt, seine Türkisch-Griechischen Projekte vor der Hand völlig aufgäbe, und uns mit der seit 3 Monaten angekündigten fernern Mittheilung verschonte. Dieser Meynung bin ich aber nicht; er ist bereits zu weit gegangen, um auf einmal still zustehen. Die Communication w i r d erfolgen, ist wahrscheinlich schon // unterweges; daß sie aber a n d e r s lauten wird, als man uns vor 2 Monaten gern hätte glauben laßen, darauf bin ich vorbereitet. Ich hoffe, wir befinden uns am Eingange einer rühmlichen Laufbahn; wenn Gott, was ich täglich von ihm erbitte, Unsern Kayser und den Fürsten bey d e n Gesinungen, und Vorsätzen erhält, worin sie sich heute befinden, so wird mancher frühere Mißgriff eingebracht, unsre Unabhängigkeit und Würde revindizirt, der Pforte wesentlich geholfen, dem Kayser Nicolas eine gute Lehre bereitet, und Canning zu Schanden werden. Ich arbeite ohne Unterlaß daran, dieses System zu befestigen; sollte meine Erwartung auch diesmal getäuscht werden, so kan ich mir wenigstens nichts vorwerfen. Es wird für Sie wohl keines Beweises bedürfen, daß, sobald es nur gelingt, Rußland in der Pacifications-Frage zu neutralisiren, das heißt, die Gewißheit zu erlangen, daß es nie zu Zwangs-Maßregeln schreiten wird (welches ich nun bereits für b e y n a h e erwiesen halte) - England a l l e i n sich nicht einmal ernsthafte D r o h u n g e n erlauben darf; denn an einen // wirklichen B r u c h mit den Türken darf ein Englisches Ministerium so wenig m i t als o h n e Rußland denken. Der Minister, der gegenwärtig mit einem solchen Vorschlage aufträte, würde nicht bloß vom Parlament, sondern von der Majorität seiner Collegen, und von der gesammten Nazion für einen Tollhäusler erklärt. Dies läßt sich um so weniger bezweifeln, als heute die Griechische Sache in England rein todtgeschlagen ist. Durch die bey den Anleihen und Geld-Verwendungen angefallnen groben Spitzbübereyen, wovon alle öffentliche Blätter voll sind, hat die Phillelenische Partey dort einen Stoß erlitten, von dem sie sich nie wieder erholen kan. Alle ihre Helden (zugleich die Matadors des Radicalismus) die Burdett, Houme, Hobhouse, Bowring, Stanhope etc. etc. sind recht eigentlich an den Pranger gestellt; ihr Credit ist dahin; es giebt keine Griechische Macht mehr in England, außer noch in Canning's thörigten Phantasien. - Wäre man in Frankreich und Deutschland nur erst so weit zur Vernunft und Wahrheit zurückgekehrt, als es jetzt im Englischen Publicum (auch im Ganzen wohl in Rußland) der Fall ist, so ständen unsre Sachen um vieles besser. //Ich gehe nunmehr zu einigen Punkten über, die unmittelbar unsre eigne Angelegenheiten betreffen. Der wichtigste ist unstreitig die nun wirklich beschlossne Veränderung bey dem Flotten-Commando im Archipelagus. Es war hohe Zeit, sie zu verfügen. Der Hof-Krieges-Rath hat - ich mögte wohl sagen unredlich gehandelt, daß er uns nicht zur rechten Zeit darauf aufmerksam machte, wie sehr wir uns irrten, indem wir Paulucci für dies Geschäft geeignet glaubten. Ich war damals mit Kavanagh noch nicht so bekannt, als ich es später geworden bin. Bey dem ersten vertraulichen Gespräch bewies mir dieser wohl-unterrichtete Mann, daß wir nicht leicht eine üblere Wahl hätten treffen <können>. Der Fürst, so wie ich, überzeugte sich davon, als Paulucci nach Wien kam. Aber da war es zu spät. Ich will ihm nicht a l l e s Verdienst absprechen; wie wenig er uns aber w e s e n t l i c h genutzt, und in wie vielen Gelegenheiten er sich lächerlich gemacht, auch wohl den Hof compromittirt <hat>, ist Ihnen natürlich nicht unbekannt. Der Kayser // hat seine Zurückberufung angeordnet, und Dandolo an seine Stelle ernannt; und wir sind jetzt in Correspondenz mit dem Hof-Krieges-Rath, um die nötigen Einleitungen dieserhalb zu treffen. Der Kayser <hat> zugleich vollkommen genehmiget, daß Prokesch dem neuen Flotten-Commandanten ausdrücklich beygegeben werde, und bey ihm nicht allein das Geschäft der Correspondenz, sondern auch jedes andre, wozu er ihn fähig finden wird, versehe. Daß hiedurch Prokesch ein bestimmter, und gewiß nicht unbedeutender Wirkungskreis eröfnet wird, ist sicher. Gestern sind von ihm sehr ausführliche Depeschen vom 2 6 O k t o b e r eingegangen. Auf welchem Wege diese in so unglaublich kurzer Zeit hier haben einlaufen können, weiß ich noch nicht recht, und begreife es kaum. Allein es i s t so. Den Depeschen war ein Brief an mich von gleichem datum beygefügt. Ich habe gestern Abend dem Fürsten in meiner kleinen Stube die ganze Expedition vorgelesen; sie ist vom höchsten Interesse; wenn es noch eines Beweises für die außerordentlichen Talente dieses jungen Mannes bedurft hätte, würde er hier geliefert seyn. Wir waren [xxx] // bey mehrern Stellen seiner Berichte, der Fürst und ich, stumm vor Verwunderung, daß ein Dilettant, der noch vor 2 Jahren von Politik wenig oder nichts wußte, so sprechen, so n e g o z i i r e n, so schreiben konnte. Seine Unterredungen mit dem Vice-König, und mit dessen Vertrauten Boghoz würden den besten Europäischen Diplomaten Ehre machen. Seine Bemerkungen tragen alle den Stempel der Wahrheit, der Gründlichkeit, und des äußersten Scharfsinns. Sein Schreiben an mich, eine Art résumé des Ganzen, ist ein Meisterstück. - Aber wie zweydeutig, Mein Theuerster Freund, wie gefahrvoll stehen die Sachen in Aegypten ! Wie unsicher (wenn gleich nach Prokesch noch nicht durchaus verzweifelt) wie trübe sieht die Zukunft von dieser Seite aus ! Wie unverantwortlich hat die Türkische Regierung gegen diesen so wichtigen Alliirten gehandelt ! Welchen unsäglichen Schaden hat das Benehmen der Engländer, die erbärmliche Versatilität und Unentschlossenheit der Franzosen, und der dem Pascha beygebrachte unglückliche Glaube an eine unmittelbar bevorstehende Intervention s ä m m t l i c h e r Mächte // zu Gunsten der Rebellen gestiftet ! Und welche schwere Vorwürfe haben auch w i r uns zu machen, daß wir ein so wichtiges Terrain, und wo wir (wie sich jetzt deutlich ergiebt) einen großen Einfluß hätten gewinnen können, so vollkommen vernachläßigt haben, als ob es sich um den Hof von Ara oder Peking handelte ! Die Berichte von Prokesch schließen uns gleichsam eine neue Welt auf. Schreiben Sie ihm vorläufig, welchen Eindruck diese seine letzten Arbeiten auf uns gemacht. Sie können die Worte nicht stark genug wählen. Einen Prokesch gefunden <zu> haben, ist eine bonne fortune, fast - Gott verzeihe mir die Bemerkung ! - über unser Verdienst. Wir sind Leute, die, wenn es auf einen großen élan ankömmt, unsre Schuldigkeit zu thun wissen; aber - aber - die Folge, die Beharrlichkeit, der Zusammenhang, der anhaltende Ernst, das gehörige Sitzfleisch etc. etc. - da fehlt es. Doch ich will dieses fatale Lied nicht fortsingen. Nun noch ein Paar Worte über das Projekt, den guten Huszar nach Constantinopel zu senden. Ob er gleich etwas empfindlich darüber ist, daß Sie ihn nicht vorher von dieser Idee // einige Nachricht gaben, so hat er sich doch ohne alles Widerstreben darein gefunden. Was ihn ängstigt ist nur, daß der Fürst, der gleich damit einverstanden war, sie an einem schönen Tage zur Ausführung bringen mögte, ohne Ihren fernern Bericht abzuwarten. Hierin hat er nicht ganz Unrecht. Für das Opfer, einige Jahre von seiner Familie getrennt zu leben, muß er von Gott und Rechtswegen eine Entschädigung erhalten. Wer könnte diese [Aut] aber billiger, und mit mehr Autorität proponiren, als Sie ? Wenn es also, wie ich hoffe, noch Zeit ist, und wenn Sie Ihren frühern Gedanken noch inhäriren, so bitte ich Sie inständigst, von Ihrer Seite nichts zu versäumen, wodurch Huszar befriedigt werden kan. Ich bin Ihnen noch meinen Dank für die vortreflichen Pistazien schuldig, die [ich] mir bereits einigemal gedient haben, um Gefrornes daraus fabriziren zu laßen. Sonst sieht es mit der Gourmandise schlecht aus. Ich darf nur sehr einfache Speisen essen, und selbst von diesen esse ich gar wenig. Mein Genuß beschränkt sich heute durchaus auf intellectuelle Nahrung. - Ich schreibe, lese, und s t u d i r e von 6 Uhr Morgens bis gegen 10 Uhr Abends, in so fern die Besuche mich nicht daran hindern. Das ist my simple story. Gott erhalte Sie gesund, Mein Vortreflicher ! Gentz H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1826.g., Bl. 162-167v. x Bl., F: ; 12 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.