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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 1. Dezember 1828, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 55-58 1828

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id299
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Prokesch-Osten, Anton von
AusstellungsortWien
Datum1. Dezember 1828
Handschriftl. ÜberlieferungHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 55-58
Format/Umfang7 eighd. beschr. Seiten
DruckorteProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 229-232 (tlw.)
IncipitSie haben mir, Mein Werther
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 1. Dezember 1828 Wien den 1ten December 1828. Sie haben mir, Mein Werther Freund, den ausdrücklichen Wunsch geäußert, daß ich über den Ihnen erteilten, unverantwortlichen Bescheid, gegen Niemanden ohne Ausnahme sprechen mögte. Es war auch in der That, als ich mich von meinem ersten Schrecken erholt hatte, mein Vorsatz, ganz davon zu schweigen. Nach dreytägiger Ueberlegung aber habe ich dennoch die Schranken durchbrochen, und mich nicht enthalten können, dem Fürsten zu Leibe zu gehen. Ich mußte dies thun, da er früher oder später das Scandal immer erfahren hätte; ich thue es nicht ungern, weil Er, nach meiner Ueberzeugung, wenigstens durch schwere Unterlaßungssünden an dieser Sache Schuld gehabt hat. Denn hätte der Fürst, wie Er mir zehnmal versprochen, zur rechten Zeit auf den Kayser gewirkt, so würde sich der Hof-Kriegs-Rath-Präsident nie unterstanden haben, Sie auf solche Weise zu behandeln. Nur, weil weder <der> Fürst, noch irgend ein andrer ehrlicher Mensch von dem Vorgange etwas gewußt hat, konnte sich H?????? so sträflich vergessen. // Ich bereue es nicht, gegen den Fürsten mein Herz ausgeschüttet zu haben. Was er mir sagte, war freylich nicht sehr trostreich. Der Sinn war in wenig Worten der: "Sie wissen, was ich von H????? denke, und daß ich es für eine der tiefsten Wunden der Monarchie halte, daß ein solcher Mann auf diesem Posten steht; unter so vielen und großen Uebeln, die daraus entspringen, muß man das Unrecht, das einen Einzelnen trift, wohl verschmerzen." Der Eindruck, den dieser Streich auf den Fürsten machte, war Ihnen jedoch offenbar vorteilhaft; und, wenn ich ihn richtig beurteile, wird er zu Ihrer Satisfaction ausschlagen. So sehr ich auch durch den Ausgang verstimmt seyn mogte, habe ich doch den Bericht des Obristen Dandolo mit herzlichem Wohlgefallen gelesen. Dieser Mann steht überhaupt in meiner Achtung sehr hoch; ich habe noch nichts von ihm gehört, oder gelesen, das ihm nicht zur Ehre gereichte. Unsre Escadre ist heute eine der würdigsten Partien unsers politischen Lebens. Dies Glück - in einem Zeitpunkt, wo so vieles gebrechlich, matt, // oder todt ist, - haben wir Ihnen und Dandolo zu danken. Der neuliche Entschluß, den Schiffen von Alexandria eine Escorte entgegen zu senden, war in der Idee und in der Ausführung gleich rühmlich. Als der Hof-Krieges-Rath bey uns anfragte, welche Instructionen man dem Escadre-Commandanten in Bezug auf die Russische Dardanellen-Blockade [zu g] (die ich noch immer nicht für entschieden halte) zu geben [seyen] habe, nahm i c h mir die Freiheit, dahin zu votiren, daß es gar keiner bedürfe, weil Dandolo so gut w i s s e wie wir, was in solchem Falle das Völker-Recht g e s t a t t e t, die Ehre der Flagge und das Interesse unsers Handels v e r l a n g t, und b e s s e r als wir, wie im concreten Falle diese sämmtliche Forderungen mit Sicherheit und Anstand zu vereinigen sind. Ihre Erklärung über Ihre Theilnahme am Courier de Smyrne habe ich mit dem höchsten Interesse gelesen, und kan Ihnen versichern, daß auch der Fürst sie ganz besonders gut aufgenommen hat. Ich schrieb Ihnen bereits in meinem letzten Briefe, wie unendlich ich bedauern würde, wenn Sie // Ihre Hand von diesem Journal zurück ziehen sollten. Zum Glück denkt der Fürst hierin ganz wie ich. So lange Sie nur dafür sorgen, keine materielle Beweise Ihrer Mitwirkung in unsichern Händen zu laßen, sollen Sie Sich über den Verdacht hinweg setzen. Die Russen hassen uns mit einer solchen Teufels-Wut, daß sie uns gern für die Anstifter jedes ihnen ungünstigen Artikels, der auf irgend einem Punkte der Erde erscheint, ausgeben mögten. So wie wir die Türken zum Kriege aufwiegeln, wir dem Sultan jeden Tag den nahen Bruch der Tripel-Allianz vorspiegeln, wir die Befestigung von Constantinopel dirigiren etc. etc. so besolden auch wir die Englischen und Französischen Journale; die Morning Post, der Standard, das Morning Journal, ja selbst der Courier und die Times übersetzen nur die aus Wien ihnen zugeschickten Artikel ! Mit der Gazette de France, der Quotidienne der (leider eingegangnen) Gazette de Lyon stehen wir in genauer Verbindung; selbst dem Journal des débats sind wir nicht immer fremd ! Jede Anti-Russische Zeile in der Allgemeinen Zeitung (die seit einiger Zeit ein wahres Hanswurst-Gemisch von guten // und schlechten Artikeln ist) kömmt unmittelbar von uns ! Da es sich einmal so verhält, so ist nicht viel daran gelegen, daß sie nun auch die treflichen Lectionen, die der Courier de Smyrne ihnen so reichlich administrirt, einer Oesterreichischen Quelle zuschreiben. Ihr letzter Artikel aus Egina ist, in Materie und Form, ein wahres Meisterstück. Daß Sie so F r a n z ö s i s c h schreiben können (ich weiß einigermaßen, was Französisch schreiben heißt) gehört unter die Erscheinungen, die mir Ihr Talent im glänzendsten Lichte zeigen. Auch Ihre Mitarbeiter sind ausgezeichnete Männer. Der Artikel S y r a in dem nehmlichen Blatte enthält über die Griechische Sache mehr ächte, gesunde Politik, als in den Depeschen sämmtlicher Cabinette von einem ganzen Jahre zu finden ist. - Ich habe die beyden letzten Blätter sogleich nach London geschickt, und hoffe, daß mehrere dieser Artikel dort, wo die große Majorität jetzt gerade so denkt, wie wir, ihren Effekt nicht verfehlen werden. Nichts müße Sie also abschrecken, auf dieser Bahn ungestört fortzugehen. Wenn Sie nur Frankreich und England immer mit einer g e w i s s e n Schonung behandeln, so laßen Sie die Russen klagen oder fluchen, wie es ihnen gefällt ! // Ueber den Russischen Feldzug war der Courier nicht sonderlich gut unterrichtet. Noch in den letzten Blättern kamen mehrere falsche Facta vor. Indessen hat dies nicht mehr viel zu sagen, da der Ausgang dieses schändlichen Feldzuges nun doch alle Ihre Weissagungen bestätiget. Die Aufhebung der Belagerung von Silistria ist mehr werth, als zwey von den Türken gewonnene Schlachten. Noch wissen wir kein Wort von dem, was weiter geschah, wie es den Russen jenseits der Donau gegangen, ob und wie sie über die Donau zurückgekehrt sind, ob Varna ihnen nicht längst wieder entrissen ward. Wir wissen nur, daß alle Faiseurs, daß 22 Generale, und 58 Stabs-Offiziere, o h n e a l l e S o l d a t e n, in Jassy spatziren gehen, daß der Ueberrest ihrer Armee im höchsten Grade desorganisirt, alle Ordnung aufgelöset, alle Pferde und alles Zugvieh crepirt sind, und daß, wenn der neue Großvezier nur halb so viel Kopf als Charakter besitzt, mit Ende dieses Jahres kaum ein Russe mehr auf Türkischem Boden bleiben müßte. Was der Kayser beschließen wird, kan Niemand von uns auch nur errathen. F i q u e l m o n t geht nächstens nach Petersburg, um dieses Terrain // zu studiren. Er ist der Mann zu diesem Posten. Der Prinz, den sein böser Genius in ein Geschäft riß, dem er, bey vielen vortreflichen Eigenschaften, nicht gewachsen war, wird dann zu seiner und unsrer großen Beruhigung zurück kehren. - Wir erwarten mit Ungeduld, was die seit 4 Wochen zwischen England und Frankreich bestehenden Verhandlungen für ein Resultat geben werden; die Basis auf welcher sie geführt werden, ist lobenswerth; und wenn man von beyden Seiten fest bleibt, so hat die Tripel-Allianz am längsten gedauert. Ich hoffe, Sie werden Sich durch den Mißgriff eines erbärmlichen Menschen nicht entmuthigen laßen. Trauen Sie meinem Calcül und meinem Instinct. Ich weiß, und ich fühle, daß Sie zu großen Dingen berufen sind. Tragen Sie die Gegenwart mit vollständiger Resignation; die Zukunft, die Ihrer wartet, kan nicht anders als glänzend seyn. Sie werden vielleicht dies Prognostikon einmal lesen, wenn ich lange todt seyn werde; denken Sie dann zuweilen mit Wohlwollen zurück an Ihren wahren und treuen Freund GentzH: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 27, , Bl. 55-58. x Bl., F: ; 7 eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 229-232 (tlw.).