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Gentz ; Luden, Heinrich
An Heinrich Luden, Wien, 16. März 1814, 1814

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2975
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Luden, Heinrich
AusstellungsortWien
Datum16. März 1814
DruckorteWittichen, F. C.: Ein Brief Friedrichs v. Gentz an Heinrich Luden, in: Neue Preußische Zeitung (Kreuzeitung), Nr. 167 (Morgen-Ausgabe), Freitag, 9. April 1909, 2-3; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 117, 346-349
Incipitbitte ich, sich recht fest
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Heinrich Luden Wien, 16. März 1814 Wien, den 16. März 1814. Ew. Wohlgeboren bitte ich, sich recht fest zu überzeugen, daß die Verspätung meiner Antwort auf Ihr sehr gütiges Schreiben vom 25. Dezember v. J. nicht Gleichgültigkeit über den Inhalt desselben, oder Mangel an Interesse für den Verfasser oder den Gegenstand zum Grund hatte. Die Ankündigung Ihres Journals kam mir schon zu Freiburg im Breisgau, wo ich mit dem Hauptquartier war, in die Hände; und mehrere dort anwesende Personen könnten bezeugen, mit welcher ausgezeichneten Achtung ich davon gesprochen habe. Ich verließ das Hauptquartier am 20.; und erst, nachdem ich 8 Tage in Wien war, erhielt ich von dort her Ihr Schreiben. Eine Menge von Geschäften, die mich hier erwarteten, und empfingen, ließen mich nicht eher als jetzt zur Beantwortung desselben gelangen. Als Mitarbeiter kann ich heute an Ihrer Zeitschrift, so wenig als an irgendeiner andern teilnehmen. Meine Lage hat sich in den letzten Jahren so gestaltet, daß ich auf Schriftstellerei Verzicht tun muß. Ich bin in mannigfaltigen, zum Teil wichtigen und delikaten Verhältnissen so befangen, daß mir zu öffentlichen Arbeiten weder Zeit noch Freiheit mehr vergönnt ist. Das Beste ist, daß das Publikum dadurch wenig oder nichts verliert. Ich habe in frühern Zeiten in der schriftstellerischen Laufbahn einige Dienste, deren Wert ich jedoch heute äußerst mäßig anschlage, geleistet. Jetzt würde ich, wenn ich auch Zeit und Muße gewänne, in dieser Sphäre nicht viel Gutes mehr stiften. Ich will Ihnen, als einen Beweis meiner Achtung für Ihren aufgeklärten Geist, und für Ihren männlichen und rechtlichen Charakter die wahre Ursache dieser Veränderung mit einer Offenheit, die man sonst wohl in einem ersten Briefe nicht zu finden gewohnt ist, darlegen. Ich habe durch einen Zusammenfluß von Umständen das Innre der großen Geschäfte, den geheimen Gang der Politik, den Geist und Charakter fast aller Hauptpersonen auf dem Weltschauplatz unsrer Zeit, den wahren Sinn und Gehalt der meisten öffentlichen Verhandlungen, und die Gebrechlichkeit, Trüglichkeit und Eitelkeit fast alles dessen, was aus einer gewissen Ferne gesehen, verdienstvoll oder imposant erscheint, dergestalt kennen gelernt, daß ich durchaus keiner Illusion mehr fähig bin. Sobald man in diesem Zustande ist, kann man nicht mehr wohltätig aufs Publikum wirken. Ich halte es für einen Vorteil von äußerster Wichtigkeit, daß es gerade in der Politik eine Klasse von Schriftstellern gebe, welche (ohne blinde Exaltation, von der hier die Rede nicht ist) ein gewisses Ideal des höchsten politischen Gutes unverrückt im Auge behalten, das Streben danach bei allen großen Maßregeln der Regierungen voraussetzen, und ihren Gegenstand stets so behandeln, als m ü ß t e zuletzt wahre Philanthropie, Weisheit, und Tugend im Hintergrunde alles Wirkens und Treibens liegen. Dies erfordert aber durchaus, daß sie dem innern Räderwerk der ganzen Maschinerie nicht zu nahe kommen, und sich, um es etwas stark auszudrücken, mit dem Schmutz und Rost des wahren praktischen Lebens, des Welt- und Geschäftsganges nicht zu vertraut machen. Ist dies einmal geschehen, so kann man allenfalls noch ein brauchbarer und sinnreicher Memoirenschreiber (und zwar auch nur für die Nachwelt), nie mehr ein tüchtiger, entschlossner, und begeisterter politischer Schriftsteller sein. Für solche Werke, wie Sie sie beabsichten, zum Teil schon geleistet haben, und gewiß noch ferner leisten werden - d. h. gerade für die , welche auch ich sonst ambitionierte - bin ich verdorben und verloren; und in einer Musik, wie die, welche Sie in Ihrem Journal anstimmen, würde meine Stimme nur ein häßlicher Mißton sein. Mit Ihrem fast poetischen Schwunge - ich sage dies zum Lobe, nicht zum Tadel - würde meine prosaische Nüchternheit einen gar zu schneidenden Kontrast bilden. - Ich mag diese Gründe nicht noch weiter ausmalen, weil ich mir schon beinahe ein Gewissen daraus mache, Sie durch Geständnisse dieser Art, sei es auch nur auf einen Augenblick, in Ihrem einfachen und edeln Gange zu stören. Kann ich Ihnen hingegen meine Wünsche für das Gedeihen Ihrer Arbeit, und meine herzliche Bereitwilligkeit, Ihnen zu dienen, auf andre Weise an den Tag legen, z. B. durch Berichtigung einzelner Punkte der Zeitgeschichte, durch wahre Aufschlüsse über Tatsachen, die Ihnen dunkel sind, selbst durch Privat-Mitteilung meiner Ansichten über diesen oder jenen Ihnen besonders interessanten Gegenstand, so werde ich es gewiß mit Vergnügen tun; und ich bitte Sie, dies Anerbieten nicht als ein leeres Kompliment zu betrachten. Ich habe das erste Stück Ihrer N e m e s i s (ein Titel, den ich nicht gewählt hätte), erhalten und gelesen. Sowohl die Gesinnungen als der Vortrag haben, wie ich es wohl erwarten konnte, meinen vollkommensten Beifall. Nur zwei Ausstellungen müssen Sie mir erlauben. Fürs erste finde ich etwas zu viel Räsonnement, und zu wenig eigentliche Geschichte darin; doch auf diesen Tadel lege ich kein großes Gewicht. Zweitens aber kann ich Ihnen kaum verzeihen, daß Sie von der erdrückenden Masse geistloser, armseliger, durchaus schlechter Schriften, mit welchen wir seit sechs Monaten heimgesucht werden, nicht bloß im Tone der Schonung, sondern der bestimmten Billigung sprechen, ja sogar den verderblichen Grundsatz aufstellen, auch das M i t t e l m ä ß i g e, auch das S c h l e c h t e müsse geduldet werden, wenn nur der Sinn gut sei, und der Zweck heilig. Mein Gefühl weicht hier ganz von dem Ihrigen ab. Zu meinem Unglück kenne ich fast das ganze Heer dieser Schriften, weil ich nach dem Wunsche des Fürsten Metternich, dem zuliebe ich auch das Härteste übernähme, mir die politische Zensur habe aufladen lassen. Für meine Rechnung hätte ich bei der dritten oder vierten haltgemacht. Nach meinem Urteil verdient keine derselben, auch nur 24 Stunden zu leben; ich nehme nicht einmal die Feuerbachschen aus, die ich unerwartet gewöhnlich, matt, und schal gefunden habe. Mein Geschmack ist vielleicht etwas zu verzärtelt, und mein Urteil zu strenge. Ich habe mich selbst nie geschont; und möchte, mit Ausschluß von vier oder fünf Seiten, heute gern alles vertilgen können, was ich jemals geschrieben habe. Aber, mich dünkt, ohne ein unerbittlicher Richter zu sein, muß man von der Erbärmlichkeit der jetzigen politischen Schriftstellerei doch lebhaft erschüttert werden. Das Reich der Freiheit hat schlechte Früchte getragen; selbst die Zeitungen, sonst ekelhaft durch ihre sklavische Monotonie, sind heute durch ihre Lügenhaftigkeit und Zügellosigkeit empörend; und was aus den literärischen Journalen werden wird, daran kann ich - nach dem Probestück in der Jenaer Literaturzeitung, wo die "Proklamation von K u t u s o f f (Gott stehe uns bei !) als die b e s c h w ö r e n d e F o r m e l d e s n e u e n G e i s t e s d e r Z e i t" dargestellt wird - ohne Schrecken nicht denken. Nein ! Ein Mann Ihrer Art sollte, weit entfernt, diesen hunderttausend Stümpern das Wort zu reden, vielmehr eine große und kräftige Opposition bilden, und Deutschland verhindern, aus einem bösen Extrem ins andre zu stürzen. Dies wäre noch das einzige politisch-literärische Unternehmen, an welchem ich, aller Hindernisse ungeachtet, teilzunehmen mich entschließen könnte. Wenn vieles in diesem Schreiben Ihnen mißfallen sollte, so werden Sie wenigstens darin ein von aller Schmeichelei entferntes, auf wahre Achtung gegründetes Bestreben, mich Ihnen zu zeigen, wie ich bin, nicht verkennen, und daher auch an die Aufrichtigkeit der Gesinnungen glauben, mit welchen ich stets sein werde Ihr sehr ergebner Gentz. H: nicht ermittelt. D: Wittichen, F. C.: Ein Brief Friedrichs v. Gentz an Heinrich Luden, in: Neue Preußische Zeitung (Kreuzeitung), Nr. 167 (Morgen-Ausgabe), Freitag, 9. April 1909, 2-3. Witichen/Salzer: Briefwechsel, I, Nr. 117, 346-349.