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Gentz, Johann Friedrich ; Gentz
Von Johann Friedrich Gentz, Berlin, 20. Januar 1803, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Sammlung Otto Wolff, Gentz-Nachlass, Nr. 4 1803

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2883
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz, Johann Friedrich
Addressee of letter
Gentz
LocationBerlin
Date20. Januar 1803
Handwritten recordUniversitäts- und Stadtbibliothek Köln. Sammlung Otto Wolff, Gentz-Nachlass, Nr. 4
Size/Extent of item14 beschr. Seiten
IncipitIch habe, mein geliebter Sohn
Type of letterBriefe an Gentz
Digital item: TextVon Johann Friedrich Gentz Berlin, 20. Januar 1803 Berlin den 20ten Januar. 1803. Ich habe, mein geliebter Sohn, alle Deine Briefe aus Praag, Dresden, Weimar und Frankfurth am Mayn vor Deiner Abreise nach England, und zulezt den vom 11ten dieses aus eben diesem Ort richtig erhalten. Aus Lezterem ersehe ich zu meiner innigsten Freude, Deine glückliche Rückkehr von London auf dem festen Lande, und da mein väterliches Herz trotz alles durch Deine leichsinnige und sträfliche Aufführung mir verursachten Kummers und Herzeleides sich nie gegen Dich <hat> verschließen können, so wünschte ich wohl recht sehnlich, Dich, wenn es auch nur einen Tag seyn könnte, zu sehen, und mich mit Dir zu unterreden. Aus vielen Ursachen aber, die Du leicht errathen kannst, muß ich auf dieses Vergnügen Verzicht thun, und unsre Zusammenkunft auf glücklichere und gelegenere Zeiten verschieben, wenn sie je in diesem Leben noch statt haben sollten. Wehe thut es mir, daß Du Dich aus Deinem Vaterlande und von Deiner Familie, <hast> entfernen müßen. Da Dir indeßen keine andere Entschließung übrig blieb, als Dein Glück in der Fremde zu versuchen, und sich bis hieher so glücklich Aspecten dazu zeigen, so bitte ich Gott, daß er alle Deine Unternehmungen segnen, und sie zu Deiner zeitlichen und ewigen Wohlfart gereichen laßen wolle. Besonders lenke und regiere er Dein Herz zu einem rechtschaffenen Tugendwandel, und verhüte in Gnaden, daß Du nie solche Wege, die Dich hier ins Ver//derben gestürzt, und Dich dem Abgrund genähert, aus welchem Du fast durch ein Wunderwerk gerettet worden, wieder betreten, dagegen mit einem Wort von nun an ein gesetzter, ordentlicher und w i r t h s c h a f t l i c h e r Mann, wozu Dich Dein Alter und Deine erlangte Erfahrung so lehrreich auffordert, werden mögest. Denn geschiehet dies nicht, so verzweifle ich mit Recht an Deinem künftigen Fortkommen, vielmehr befürchte ich, daß das lezte Uebel ärger, als das erste werden wird. Nimm, mein lieber Sohn, diese dringende Ermahnungen von Deinem redlichen Vater als seinen lezten und gut gemeinten Willen an, und gewähre mir nach so vielen durch Dein voriges Betragen erlittenen schmerzhaften Bekümmernissen den süßen Trost, daß ich vor meinem Ende noch Freude an Dir erlebe ! In beiliegendem Paket findest Du Deinen von des Königes Majestät <vollzogenen> ziemlich honorablen Abschied, den mir des Herrn Ministers von Voss Excellenz mit beigefügtem sehr höflichem Schreiben zur weiteren Besorgung zugestellt hat. Man verlangt von Dir, daß, wenn Du etwa noch Papiere von Deiner ehemahligen Geschäftsführung in Deiner Verwahrung haben solltest, Du selbige zurückliefern möchtest. Was ich darauf vorläufig geantwortet, davon findest Du in dem Paket eine Abschrift. Und da ich glaube, daß die Sache sich angeführter Maaßen verhalte, so halte ich es wenigstens [es] für sehr schicklich, daß Du durch ein höfliches und erkenntliches Antwortschreiben meine geäußerte Vermuthung bekräftigst, und mir allenfalls solches zur Abgabe an den Minister zuschickest. Ich glaube gescheut gehandelt zu haben, daß ich diese Piècen bis zu Deiner Rückkunft an mich behalte, und sie nicht dem so unsicheren Loos der Posten und dem Meere anvertraut habe. Sie dienen Dir zum authentischen Beweise, daß Du Deiner vormahligen Dienste mit Ehren entlaßen worden, und machen allen etwanigen Vorwürfe und bösen Nachreden ein Ende. Deine Bibliothek steht bey mir noch unangerührt. Ich habe an keine Veräußerung gedacht, auch hat sich kein Brinckmann und kein Baudisson zu den Büchern, die die Französische Revolution betreffen, gemeldet. Kannst Du sie in der Folge brauchen, so stehn sie Dir zu Dienste, und Du wirst mir melden, wie, und auf was Art ich sie Dir überschicken soll. Ich dächte, der Weg über Breslau, wohin sie von hier zu Waßer, und von da zu Lande durch Frachtfuhrleute nach Wien kommen können, wäre der beste und wohlfeilste. Ich sehe aus Deinen Aeußerungen, daß Du den redlichen Vorsatz hast, Dein Schuldenwesen, was sich auf eine ganz artige Summe, ohne meine Forderungen zu rechnen, belaufen mag, zu reguliren. Gott bestärke [ich] Dich in diesem guten Vorhaben. Wie Du es aber anfangen, und ausführen wirst, bleibt mir bis jezt noch ziemlich räthselhaft. Willst Du aber bezahlen, so rathe ich Dir, eine kluge Auswahl unter Deinen Creditoren zu treffen, und vorzüglich diejenigen zu befriedigen, die Dir gewißenhaft und ehrlich gedient haben, und zum Theil arme Leute sind. Einen Markuse, Czechtitzky, dem Weberschen Anhang, einen Lüders p und andern Spitzbuben dieses infamen Gelichters, die Dich gnug betrogen und hintergangen // haben, Geld zu geben, halte ich für sündlich, und ich würde mich ärgern, wenn ich erfahren sollte, daß Du sie nach allen schändlichen Handlungen, die sie sich gegen Dich erlaubt, mit andern ehrlichen Leuten in eine Claße setzen wolltest. Willst Du den Grattenauer zu Regulirung Deiner Schulden gebrauchen, so siehe Dich wohl vor, daß Du nicht den Bock zum Gärtner setzest, denn dergleichen Herrn schleifen nicht ohne Meßer, und ziehen bey der Behandlung öfters den besten Theil in ihre Taschen. Meine Freude wird unendlich groß seyn, wenn ich es noch erlebte, Dich von dieser Seite völlig rein und gerettet zu sehen.Dein gewesner Bedienter ist wie ich höre, ein infamer Halunke. Er ist nicht allein im höchsten Grade undankbar für alle Wohlthaten, die er von Dir empfangen, sondern soll Dich noch dazu in der ganzen Stadt blamiren. Er drohet, nach Dresden zu kommen, und noch Geld von Dir zu erpreßen. Unter stehet er es sich, so thue mir den einzigen Gefallen, ihm die Wege zu weisen, und packt er sich nicht fort, so nimm die Polizey zu Hülfe, und laß ihn zum Thor herausbringen. Auf gleiche Art verfahre mit dem Herrn Pitag, der ebenfalls der größte Taugenichts ist. Diese beiden Kerle haben zu Deinem ruin viel, sehr viel beigetragen; [und] schaffe sie Dir daher par une bonne fois vom Halse. Der Tod der guten Minna in der besten Blüthe ihres Lebens hat mich und die ganze Familie über alle Maaßen erschüttert. Ich liebte sie wie mein eignes Kind, und sie vergalt mir diese Liebe durch eine gleiche und ungeheuchelte Zuneigung. Die armen Eltern die nun durch diesen traurigen Vorfall völlig Kinderlos geworden, // sind am meisten zu bedauern. Sie hat ihr Leiden auf der Welt überstanden, und ist in so weit glücklich. Solltest Du je auf den Gedanken [xxx] oder Einfall gerathen, Dich wieder zu verheiraten, so bitte ich Dich um Gottes Willen, Dich bey Deiner Wahl wohl vorzusehen. Wie viel brafe Männer sind durch ein schlechtes Weib elend und unglücklich geworden ? Du hast Deinen völligen Verstand, bist über die erste Jugendhitze hinweg, und der Leichtsinn sollte wohl nun nicht mehr die Herrschaft über Dich führen. Du mußt daher, wenn Du je den Willen hast, Dich wieder zu verheirathen, nicht sowohl auf eine reizende Gestalt und Schönheit, sondern schlechterdings auf eine gesittete und tugendhafte Person ohne Eitelkeit, auf rechtschaffenen Eltern, und NB auf V e r m ö g e n sehen, und wenn sich letzteres nicht findet, oder zweifelhaft ist, so bleibst Du davon, und denkst in Deinem Leben an keine Wiederverheirathung. In unsrer Familie ist Gott Lob ! außer Deiner Mutter, so weit alles wohl und gesund. Letztere befindet sich ungefähr seit 3 Monathen ganz erträglich, und viel beßer als vor 4 Jahren und längerer Zeit. Sie hat bey weitem nicht mehr die Qual und Beängstigung, womit sie sonst bis zum Sterben gequält wurde. Sie arbeitet und beschäftiget sich den ganzen Tag mit allerley Handarbeit, und bekümmert sich um ihre ganze Wirtschaft. Kurz, es ist eine totale Verändrung mit ihr vorgegangen, und wenn der Himmel sie nur in diesem Zustand erhält, sind wir alle sehr vergnügt und zufrieden, und wünschen ihr noch ein langes Leben. Lisette und Cannichen strotzen für Gesundheit, und machen sich manchen vergnügten Tag in Gesellschaft lustiger Freundinnen, besuchen zum öftern das Schauspiel, und laßen sich sonst nichts anfechten. Dein Bruder Ludecken hat einen ganz // prächtigen Jungen, dick und fett und schön gebildet. Er ist noch nicht 1 ½ Jahr alt, und spricht alles, was er nur hört und gelernt hat, und ist überdem außerordentlich klug. Er macht mir manche vergnügte Stunde. Bald wird er einen Spiel-Cameraden bekommen, und es scheint überhaupt, daß Lude der Stammhalter der Familie werden wird. Für heute mag es genug seyn. Schreib mir nur bald wieder, und gib mir von allem, was etwa für mich intereßant seyn kann, fleißige Nachricht. Gott erhalte Dich ferner bey guter Gesundheit, und laße es Dir in allen Stücken wohl und nach Wunsch gehen. Dies sind die aufrichtigen Gesinnungen von Deinem treuen und Dich zärtlich liebenden Vater Gentz. P.S. Vor ungefähr 8 Wochen ehe die Franzosen in die unglükliche Schweiz einrückten, kam ein Brief unter Deiner Adresse von dem berühmten Professor Müller aus Schafhausen an, den ich eingelöset habe. Er kann zwar zu nichts dienen, weil die armen Schweizer leider ! von der ganzen Welt verlaßen sind, und keinen Retter finden. Indeßen dienet er zu Deiner Nachricht. H: Universitätsbibliothek Köln. Gentz-Nachlaß. lfd. Nr. (G.N. 14). x Bl., F: ; 14 beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.