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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Preßburg, 19. Oktober 1830, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 3, [?], Bl. 104-107 1830

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2785
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Prokesch-Osten, Anton von
AusstellungsortPreßburg
Datum19. Oktober 1830
Handschriftl. ÜberlieferungHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 3, [?], Bl. 104-107
Format/Umfang6 ¾ eighd. beschr. Seiten
DruckorteProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 396-397 (tlw.)
IncipitEs ist ein eignes Schicksal
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Anton von Prokesch-Osten Preßburg, 19. Oktober 1830 Preßburg den 19 Oktober Es ist ein eignes Schicksal, Mein Theurer Freund, daß ich bey meiner endlosen Schreiberey, so schwer und spät dazu gelange, mich mit Ihnen zu unterhalten, obschon Sie sehr wohl wissen, daß - meine Correspondenz mit Fanny ausgenommen - keine Unterhaltung in der Welt mir lieber ist. Aber die Tage schwinden ich weiß nicht wie. Vormittag drey Stunden beym Fürsten, dann wieder zwey bis drey Stunden bey und nach dem Diner; <einen> um den andern Tag auch wohl öfter, weil der Fürst es wünscht, die Soireen bey Zichy's von 10 bis Mitternacht und manchmal länger. Sie sehen wie wenig Zeit mir zu den Expeditionen, zu Privat-Briefen, die geschrieben werden m ü ß e n, endlich für Fanny, der ich freylich viel, sehr viel schreibe, übrig bleibt. An Lectüre ist gar nicht mehr zu denken; die Journale häufen sich auf meinem Tische; Heines Lieder sind das einzige Buch, // welches ich täglich, wenn auch nur in der Nacht, in die Hände nehme. Ich schlafe selten mehr als 4 oder 5 Stunden, und befinde mich doch vollkommen wohl. Sie hatten das Projekt uns hier zu besuchen. Ich glaube Sie sollten es ausführen. Wir bleiben gewiß noch tief in die künftige Woche, vielleicht sogar länger hier. Der Fürst hat, ungeachtet seiner zahlreichen Geschäfte, und der vielen Stunden die Revitzky, Tatitscheff und Malzahn in Anspruch nehmen, doch auch manche ruhige, spricht mit mir oft und lange, und ist besonders in der Abend-Gesellschaft und in einem gewissen häufig vorkommenden Aparte zwischen Ihm, Melanie und mir, so heiter und liebenswürdig, als ich ihn fast noch nie gesehen habe. Ihre Gegenwart könnte ihm in keiner Rücksicht anders als angenehm seyn; und ob ich gleich nicht verbürgen kan, was // er zu Ihrem Reise-Projekt sagen würde, so könnten Sie doch schwerlich eine bessre Gelegenheit finden, als hier, dieses Projekt an Mann zu bringen. - Wie gern i c h Sie, wäre es auch nur kurz, sehen mögte, begreifen Sie ohnehin. Vorigen Sonnabend, als ich in der Nacht um halb 2 von einer mir höchst gleichgültigen Soirée dansante bey der Gräfin Crescence Zichy [gegen] nach Hause kam, fand ich einen Brief von Frau von Varnhagen, der mich in eine von Vergnügen, Angst und Schmerz so seltsam zusammengesetzte Agitation warf, daß ich vor 4 Uhr nicht ein schlafen konnte. Nach langer Ueberlegung - es war dumm, daß ich mich so lange bedachte - beschloß ich Ihnen diesen Brief mitzutheilen. Er ist incorrekt, kauderwelsch, oft bis zur Unverständlichkeit phantastisch geschrieben; Sie aber wissen und verstehen ja, daß man eine // höchst originelle und geistreiche Frau nicht mit einem gewöhnlichen Maßstabe messen kan. Sie werden manches in dem Briefe finden, was Ihnen gefallen wird; wie er auf m i c h wirken mußte, habe ich nicht nöthig Ihnen zu sagen. Die Stelle (auf der fünften Seite unten) von der Gefahr großer Anerbietungen erschreckte mich t ö d t l i c h, ob ich gleich, daß das geschehen würde, keinen Moment bezweifelt hatte, es auch aus Fannys eigenen Briefen schon wußte. Ich lag im Bette, und fühlte ein plötzliches Prickeln in den Blutgefässen; ich glaubte, es sey die Annäherung eines Schlag-Flusses. Nachher erholte ich mich wieder, und gleich am folgenden Tage erhielt ich einen Brief, worin Fanny mir schrieb: "sie sprechen von ungeheuren Engagements-Anträgen und werden sie mir auch gewiß machen. Du kannst darüber voll//kommen ruhig seyn; so lange Du in Wien, und mir gut bist, sollen sie mir anbieten was sie wollen; es wird nichts daraus etc.". Ein großer Theil der Abend-Gespräche mit Metternich und Melanie dreht sich fortdauernd um Fanny. Es ist die unglaublichste Sache, daß man mir dieses Verhältniß, das doch "den Juden ein Aergerniß und den Heiden eine Thorheit" seyn sollte, nicht nur verzeiht, sondern wirklich mit großem Interesse, und mit Wohlwollen davon spricht. - Seit langer Zeit ist mir nichts s c h m e i c h e l h a f t e r e s begegnet; denn es beweiset mir, daß doch etwas a b o u t m e seyn muß, welches die Menschen für mich gewinnt, wenn auch ihre Vorurteile und ihre Vernunft gegen mich streiten sollten. Daß solche, wie Sie, und Friderique Varnhagen mich in Schutz nehmen, // ist nicht zu verwundern. Mit Pilat, der freylich aus anderm Holze geschnitten ist, habe ich neulich eine große schriftliche Explication über diesen Gegenstand gehabt. Ich schreibe Ihnen nicht de rebus publicis; sie eckeln mich an; und ich muß ohnehin genug davon hören und schreiben. Die schrecklichste Partie im ganzen Gemählde der Zeit ist mir - nicht Frankreich, sondern England. Ich habe zu meiner Qual eben ein Paar Englische Broschüren lesen müßen, von nicht gemeinen Händen fabrizirt, und die mir (noch deutlicher als ich es längst wußte) gezeigt haben, was aus dieser Nazion geworden ist, und n ä c h s t e n s w e r d e n w i r d. Schreiben Sie mir gleich, lieber Prokesch; ich habe eine // Sehnsucht nach Ihrer Handschrift, und sagen Sie mir Ihre Meynung über den Brief aus Berlin. Wenn Ihre liebe Damen Sie noch nicht verlaßen haben, so empfehlen Sie mich Ihnen bestens, und bleiben Sie mir gewogen !Gentz Nennen Sie mir die Nummern der Gedichte, die I h n e n im Buch der Lieder am besten gefallen haben. Ich wollte Sie könnten lesen, was ich vorgestern und gestern an Frau von Varnhagen geschrieben. 6 kleine Bogen voll Salbung und Poesie. H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 3, , Bl. 104-107. x Bl., F: ; 6 ¾ eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 396-397 (tlw.).