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Gentz ; Müller, Adam
An Adam Müller, Berlin, 7. Oktober 1800, Archiv des Grafen Wachtmeister, Trolle-Ljungby (Schweden). Nachlass Brinckmann, Gentziana, Signatur [?] 1800

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2641
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Müller, Adam
AusstellungsortBerlin
Datum7. Oktober 1800
Handschriftl. ÜberlieferungArchiv des Grafen Wachtmeister, Trolle-Ljungby (Schweden). Nachlass Brinckmann, Gentziana, Signatur [?]
Format/Umfang4 Bl., F: 236mm x 187mm; 6 ½ eighd. beschr. Seiten
DruckorteWittichen/Salzer, Briefe, II, Nr. 190, 360-362 (tlw.); Baxa, Lebenszeugnisse, II, Nr. 8, 15-18
IncipitIhr Brief, liebster Müller, hat
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Adam Müller Berlin, 7. Oktober 1800 Ihr Brief, liebster Müller, hat mir viel Vergnügen gemacht, und ich danke Ihnen sehr dafür: Ich gestehe Ihnen zwar offenherzig, daß ich einen Haupt-Theil desselben, nehmlich das Projekt zu einer Umarbeitung des Smith nicht recht verstanden habe; und, ob ich gleich jetzt nicht die Zeit habe, mit Ihnen in eine nähere Erörterung Ihrer Ideen einzugehen, so muß ich mir <doch> die Bemerkung, die Sie der Freundschaft, und meiner wahren Achtung für Sie, zu Gute halten werden, erlauben, daß mir Ihre Philosophie oft noch zu sehr in die verworrnen Farben einer gewißen jugendlichen Schwärmerei getaucht zu seyn scheint. Sie wißen wohl, daß ich von allem thörigten Stolze weit entfernt bin: aber sollte es Ihnen nicht Selbst hin und wieder Mißtrauen gegen Ihre Raisonnements einflößen, wenn ich Ihnen ganz einfach versichre - daß i c h sie nicht v e r s t e h e ? Ihr Enthusiasmus für Göthe beruht - experto crede - gewiß nicht immer auf einer klaren, ich sage nicht einmal, deutlichen Vorstellung des Gegenstandes, und die Art wie Sie diesen Enthusiasmus // mit Ihrem Wohlwollen gegen mich, und mit Ihrer Liebe zu einigen meiner Produkte, oft etwas willkührlich, und ich mögte fast sagen, phantastisch paaren, giebt mir den gerechten Verdacht, daß Sie mit Sich Selbst noch nicht ganz aufs Reine gekommen sind. Hätte ich nicht so große, und so gerechte Hoffnungen auf Sie gebaut, so würde ich mich wohl hüten, Ihnen dergleichen Dinge zu sagen: aber Sie sind schon zu treflich, um nicht die letzten Feuer-Proben durchzugehen. Ich werde es nie vergessen, daß ich - fast 30 Jahr alt war, als ich zuerst zum klaren Bewustseyn meiner selbst und der Welt gelangte, und daß ich diesen glücklichen Standpunkt nicht durch mich selbst, sondern durch andre erreichte. Was mir geschehen ist, möge, und soll, und wird auch Ihnen geschehen. Erwarten Sie also in mir stets einen strengen und unerbittlichen Censor; und so oft Ihnen von mir das Wort: Ich verstehe Sie nicht, entgegen // tönt, so suchen Sie immer* den Grund, wenn er auch gelegentlich in mir liegen sollte, in der Unvollständigkeit der Entwicklung Ihrer Begriffe auf. Laßen Sie Sich, ich beschwöre Sie, Freund, d i e g ö t t l i c h e K l a r h e i t d e s B e w u s t s e y n s, die höchste aller intellektuellen Höhen, durch den Mystizismus eines sich selbst überfliegenden Zeitalters nicht rauben ! Ich merkte schon bei Ihrem letzten Aufenthalte in Berlin, daß Sie dieser Klippe nicht ganz entgangen sind, und Ihr Brief, so äußerst schätzbar und interessant er mir war, bestätigte die Besorgniß. Das Bestreben, an einem einzigen Individuum, wie Sie an Göthe, den ganzen Umkreis menschlicher Vollkommenheit** fixiren zu wollen, mithin - wie Sie es denn recht wacker thun - diesem Idol alle die Eigenschaften,** die ihm fehlen, anzudichten, und alle die schwachen Seiten, die er so gut wie jeder Sterbliche hat, durch geschraubte Hypothesen abzuraisonniren - ist reiner Mystizismus. Leben und denken Sie in Sich Selbst: Sie sind zu gut, um nur durch Göthe zu existiren; eine Einseitigkeit, // die sich nur dadurch vor sich selbst verbirgt, daß sie Vielseitigkeit in eigensinnigen und willkührlichen Combinazionen erkünstelt, ist doch nicht mehr und nicht weniger als Einseitigkeit. Was Sie mir von Herrn van de Vioere schreiben, interessirt mich sehr. Ich bitte Sie, ihn unbekannter Weise meiner Hochachtung zu versichern. Die Schrift des Herrn de Bonnaire kenne ich nicht. Daß er eine Antwort d u r c h d i e Z e i t u n g erhalten sollte, ist mir unwahrscheinlich. Hätten Sie mich von seinem Schritt benachrichtigen können, ehe er geschah, so würde ich ihm durch meine Verbindungen mit dem Grafen Panin, und dem Baron Krüdener, vielleicht einen Weg eröfnet haben, auf dem er sichrer als jetzt gegangen wäre. Obgleich der verfloßne Sommer durch den Tod unsers guten Gilly mir eine Zeitlang sehr getrübt worden ist, so war er doch im Ganzen einer der angenehmsten meines Lebens. Mein Aufenthalt bei Lucchesini entsprach der Erwartung aufs vollkommenste. // Der bevorstehende Winter wird, wenn kein unerwartetes Uebel meine Hoffnung vernichtet, nicht weniger angenehm seyn. Ich lebe und webe in der großen politischen Sphäre, und genieße des, in meiner Lage gewiß beneidenswerthen Glücks, über das I n n r e der großen Angelegenheiten unaufhörlich so unterrichtet zu seyn, wie vielleicht nicht viele unsrer Zeitgenossen es sind. An Lord Carysfort habe ich eine neue, vortrefliche Quelle, und einen wahren Freund gefunden: i n B e r l i n bleibt mir fast nichts zu wünschen mehr übrig. Ich will Ihnen nun noch einen Vorschlag thun. General Stamfort ist in Braunschweig, und bleibt, nach den letzten Nachrichten, noch etwa 8 Tage daselbst. Wenn Sie Lust haben, ihn kennen zu lernen, so schicken Sie ihm gleich beikommenden Brief, und gehen Sie unmittelbar nachher zu ihm. Er wird Sie gut aufnehmen. Da ich Sie aber keinesweges geniren will, und Ihre dortigen Verhältnisse // nicht kenne, so dient Ihnen zur Nachricht, daß falls Sie n i c h t Lust hätten, diesen Besuch zu machen, der Brief unbestellt bleiben kan: er enthält nichts als eine Empfehlung. Schreiben Sie mir noch einmal von Braunschweig aus; und je öfter Sie es von Göttingen thun werden, desto lieber wird es seyn Ihrem sehr ergebnen Freunde Berlin 7ten Oktober 1800. Gentz.R a t i f i z i r e n d e s P o s t s c r i p t Ich schicke Ihnen den Brief an Stamfort offen, damit Sie ihn lesen können, und bitte, ihn nachher mit einem Oblat zuzumachen. In jedem Falle wäre es mir <doch> lieb, wenn Sie ihn abgeben ließen, selbst wenn Sie n i c h t zu ihm gehen wollten. Sie werden ja in diesem Falle leicht eine schriftliche Entschuldigung finden. Uebrigens spricht Stamfort eben so gern d e u t s c h als französisch. // So eben fällt mir noch ein, daß ich Ihnen doch das letzte Stück meines Journals schicken will, weil Sie es vielleicht sonst nur spät erhalten würden. Es enthält eine Arbeit, auf die ich deshalb einigen Werth lege, weil sie mir mehr Zeit und Mühe gekostet hat, als [fast] irgend eine ohne Ausnahme, die ich noch bisher in dieser Zeitschrift geliefert habe. Ich wünsche daß sie Ihnen gefallen möge. H: Archiv des Grafen Wachtmeister, Trolle-Ljungby (Schweden). Nachlaß Brinckmann, Gentziana, 4 Bl., F: 236mm x 187mm; 6 ½ eighd. beschr. Seiten. D: Wittichen/Salzer, Briefe, II, Nr. 190, 360-362 (tlw.). Baxa, Lebenszeugnisse, II, Nr. 8, 15-18. * Die Worte "so suchen Sie immer" wurden mit rotem Stift unterstrichen und am linken Rand von Müller kommentiert: "Ist nicht geschehn." ** Die Worte "den ganzen Umkreis menschlicher Vollkommenheit" und "alle die Eigenschaften" wurden mit rotem Stift unterstrichen und von Müller kommentiert: "Natürlich war davon nie die Rede."
 
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