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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 18./19. November 1828, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 51-54v 1828

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2421
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Prokesch-Osten, Anton von
LocationWien
Date18./19. November 1828
Handwritten recordHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 51-54v
Size/Extent of item8 eighd. beschr. Seiten
Places of printProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 221-225
IncipitVor ein Paar Stunden kam
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 18./19. November 1828 Wien den 18 November 1828. Vor ein Paar Stunden kam die Türkische Post vom 25ten Oktober (durch Umstände, die mir noch nicht bekannt sind, über alle Gebühr verspätet) endlich an, und brachte mir unter andern Ihr Schreiben vom 18ten v. M., Mein Geehrter Freund, nebst Beylagen. Die Depeschen aus Constantinopel werde ich erst Morgen früh lesen, da ich diesen Abend nicht mehr ausgehen kan, weiß also bis jetzt noch nichts von der Wirkung des Verlustes von Varna in Constantinopel, weiß nur, daß der Großvezier, Gott sey Dank, abgesetzt, und der tapfre Verteidiger von Varna zu seiner Stelle ernannt ist. Da aber die Post morgen von hier abgeht, und ich einen unruhigen Tag voraussehe, so will ich jetzt gleich, toute autre affaire cessante, ein Paar Haupt-Punkte Ihres Briefes beantworten. 1. F e l d z u g d e r R u s s e n. - Ich laße Ihrem prophetischen Geiste alle Gerechtigkeit widerfahren. Der Feldzug der Russen ist verfehlt, die Pforte // f ü r d i e s m a l gerettet. Der Nimbus der Russischen Armee zerstört, die tröstliche Ueberzeugung, daß sie keinen tüchtigen General besitzen, gewonnen. In allen d i e s e n Resultaten ändert der endliche Fall Varna's wenig oder nichts; und da es höchst zweifelhaft bleibt, ob er ohne Jussufs Verrath Statt gehabt hätte, so kan er nicht einmal als ein isolirter Succeß figuriren. - Dies alles hindert mich aber nicht, zu bemerken, daß man Ihnen die Begebenheiten dieses Feldzuges mit falschen, dick übertriebnen Farben geschildert, die Niederlagen der Russen [mit] ausschweifend vergrößert, besonders die Siege der Türken zu wirklichen Feenmährchen umgeschaffen hat. Das ersehe ich aus jedem Ihrer Briefe, aus jedem Artikel des Courier de Smyrne, und hauptsächlich aus einem von Ihnen unterm 2ten Oktober an Hauenschild (freylich auf die Autorität des Baron Ottenfels, der s o l c h e Fabeln u n s nicht zu berichten wagte) erlaßnen Schreiben. - Nach allen den unbegreiflichen Fehlern, welche die Russen begangen hatten, hätten sie sammt und sonders ihr Grab in der Bulgarischen Wüste finden müßen, wenn die Türken, bey aller ihrer lobenswürdigen Standhaftigkeit und Bravour, auch nur die ersten Elemente der Kriegführung verständen. // Einem Kenner, wie Sie, darf ich Unwissender wohl nicht sagen, wie die Stellung der beyderseitigen Armeen (wenn ich auch über alles Vorhergehende den Schleyer ziehen will) nach der Einnahme der Ruinen von Varna war. Diese Ruinen den Russen wieder abzujagen, wäre für das Corps von 25000 Mann, das hinter dem Kamtzschik stand, doch wahrlich kein gar zu schweres Unternehmen gewesen. Die Türkische Hauptmacht in Schumla - sollte sie den nach der Donau zurückziehenden Theil der Russischen Armee nicht unendlich harcelirt, nicht aufgerieben haben ? Sollte eine zwischen Schumla und Silistria combinirte Operation nicht der Uebergang über die Donau unmöglich, wenigstens höchst verderblich gemacht haben ? Statt dessen ist vom 11ten Oktober bis zum 11 November auch nicht die kleinste Bewegung von irgend einer Seite erfolgt. Die Russen haben nach Belieben, dislocirt, und concentrirt, und manövrirt, und sich verschanzt und vor- und rückwärts begeben; außer durch Krankheit und Elend, während der ganzen Zeit keinen Mann verloren, und belagern Silistria, dessen nahen Fall schon hundert Unglücks-Raben verkündigen ! - Der Pascha von Widdin, der mit seinen 30,000 Mann die Wallachey durch mehrere Monate bedrohte, und sie zehnmal ganz verschlingen konnte, // da Langeron kaum über 6000 disponirte, hat sich bey dem Ueberfall vom 26 September (dem einzigen eigentlichen Siege der Russen) aufs schändlichste schlagen laßen, und zuletzt den wichtigen Brückenkopf von Kalafat aufgegeben ! Den Großvezier, der doch nahe genug bey Varna stand (obgleich nie i n Varna, wie Ihre fabelhaften Bulletins schreiben) hat Niemand irgendwo gesehen. Kurz, die Leute wissen zu stehen und zu sterben; aber von Kriegführen verstehen sie nichts. Wie sollten sie auch ? Wo ist unter ihnen der Kopf, der einen Plan entwerfen, und der, welcher ihn ausführen könnte ? Wo die Seele, die ein Ganzes belebt ? Und was ist ein Feldzug, auch ein bloß defensiver, in welchem es an diesen ersten Erfordernissen mangelt ? 2. D i e V o r f ä l l e i n M o r e a. Bald nach Abgang Ihres letzten Schreibens müßen Sie erfahren haben, daß die Franzosen im Besitz der sämmtlichen Festungen waren. An und für sich halte ich das für kein großes Unglück. Es wird im Gegentheil der Englischen Regierung zu einer vortreflichen Handhabe dienen, um den Tripel-Traktat für erfüllt, und folglich für abgethan zu erklären, obschon die kürzlich uns bekannt gewordnen neusten // Berichte des Admirals Heyden, das (von ihm mit der Flotte unterstützte) Vordringen des General Maison über den Isthmus ganz deutlich ankündigen. Was mich aber schmerzt, ist das Todte Stillschweigen der Pforte bey diesen neuen Frevelthaten. Ich verlange nicht, daß sie Morea retten sollte; sie konnte es nicht mehr. Ich klage auch nicht, saß sie ihre Zustimmung zu diesen neutralen Raubzügen hartnäckig verweigerte. Daß sie aber ihre Stimme nicht erhob, daß sie nicht wenigstens eine öffentliche feyerliche Protestation anstimmte, und ganz Europa herausforderte, über diese gehäuften Treulosigkeiten ein unparteyisches Urteil auszusprechen, - daß sie sich schlachten läßt, wie ein Lamm, welches unter dem Messer verstummt - das bedauere ich. - Uebrigens denke ich von der Französischen [xxx] Expedition, und von dem Französischen Cabinet völlig so, wie Sie; und wenn Ihr Französischer Correspondent <schreibt:> "Les nouvelles de la France sont les plus satisfaisantes, nos institutions s'affermissent, nous sommes enfin, après bien des orages d a n s l a v o i e o ù t o u s l e s g e n s d e b i e n, m ê m e d e s a u t r e s p a y s d o i v e n t d é s i r e r d e n o u s v o i r" - so setze ich hinzu: Er hat vollkommen R e c h t, das elendeste Ministerium das je die Sonne beschien, und die Faction, von der es am Gängelbande geführt wird, sind gerade auf dem Wege, auf welchem // alle vernünftige und rechtliche Menschen sie zu sehen w ü n s c h en - nehmlich auf dem des unvermeidlichen Verderbens. 3. D i e B l o c k a d e d e r D a r d a n e l l e n. Ihr Artikel im Courier vom 11ten ist allerdings e i n e r der k ü h n s t e n, die Sie noch geliefert haben; und ich sollte vielleicht empfindlich darüber seyn, daß Sie meine wiederholten Warnungen wegen des diesem Blatte bevorstehenden Donnerwetters, so gänzlich in den Wind schlugen. Aber das Vergnügen, welches dieser Artikel mir gewährt, ist viel zu groß, als daß ich darüber schalten könnte. Die Preßfreiheit, die so viel Unheil und Fluch über Europa <bringt>, mag Ihnen zur schützenden Aegide dienen, wenn Sie sie an der Küste von Asien für Wahrheit und Recht gebrauchen; und solange es nur möglich seyn wird, sie zu behaupten, werde ich gewiß mit Leib und Leben, für Sie und Ihre Mitarbeiter kämpfen. Man hält Sie aber - das müßen Sie wissen - allenthalben, wo man den Courier kennt, für den eigentlichen Chef de file; und der Kayser Nicolaus hat sich verschiedentlich über Ihre werthe Person sehr bitter erklärt. Ich habe es sorgfältig verschwiegen, damit Andern nicht der Muth entfallen mögte; und, da Sie nun einmal // auf dem Schwarzen Register stehen, so ist es auch gleichviel, ob Sie etwas mehr oder weniger einbrocken. Rigny ist ja überdies Ihr offenbarer Complice; und so lange Sie mit diesem und mit Guilleminot (der Ihnen nichts zu Leide thun wird weil er sich sehr um unsre Gunst bewirbt, und m i r sogar vor seiner Abreise aus Corfu die neuste große Karte von Griechenland zum Geschenk gemacht hat) gut stehen, werden Ihnen die Russen nicht so leicht etwas ans Zeug flicken können. Die Blockade der Dardanellen wird freylich auch für uns zu höchst unangenehmen Complicationen führen. Da aber England mit großem Nachdruck, und Frankreich mit dringenden und flehentlichen Vorstelungen dagegen protestirt, so zweifle ich noch, ob sie im Ernst versucht werden wird. Daß die Befehle dazu wirklich gegeben sind, ist sicher; ich habe sie g e l e s e n. Der Kayser wird, und muß aber inne werden, daß die Existenz der Tripel-Allianz dabey auf dem Spiele steht; und, gelingt es dem Herzog von Wellington die Crisis von Irland (das fürchterlichste aller ihm vorliegenden Probleme) auf eine oder die andre Weise glücklich zu lösen, so mögte wohl der Bruch der Allianz noch zu ganz andern Maßregeln führen. - Es freut mich ungemein, daß die erste Prise // gerettet worden ist. Denn, wenn wir uns auch (was wir schwerlich hindern können) eine regelmäßig angeordnete und proclamirte R u s s i s c h e Blockade zuletzt gefallen laßen müßen, so wäre es doch wahrlich Sünde und Schande, die G r i e c h i s c h e zu dulden; und sollte Cochrane selbst, wie ich nur zu sehr befürchte, sein altes Handwerk wieder ergreifen. N a c h - S c h r i f t. V o m 1 9ten. Aus den Depeschen von Constantinopel ersehe ich, daß der Fall von Varna in den Dispositionen des Sultans bis dato nichts geändert hat. Da ich nun Ihrer Meynung, "daß Rußland fest entschlossen sey, einen zweyten Feldzug zu führen," unbedingt beytrete, und die Friedens-Worte des Kaysers eben so beurteile, wie Sie, so wissen Sie nun, was ich ungefähr von der Zukunft denke. Nur Ein großes Element der Berechnung liegt noch mehr als halb im Dunkeln: wie nehmlich die Stellung des E n g l i s c h e n Cabinets sich von hier bis zum Monat März entwickeln wird. Graf Dandolo's bisherige Maßregeln in Bezug auf die Russische Blockade - sein Bericht an den Hofkriegsrath - sein Antwortschreiben an Capodistrias - können nicht genugsam gelobt werden. Es fängt eine schwere Prüfungszeit für die Escadre an; Gott stehe Ihnen bey ! Gentz H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 27, , Bl. 51-54v. x Bl., F: ; 8 eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 221-225.