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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Mailand, 10. Mai 1825, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1825.g., Bl. 63-69 1825

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2395
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Ottenfels-Gschwind, Franz von
AusstellungsortMailand
Datum10. Mai 1825
Handschriftl. ÜberlieferungHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1825.g., Bl. 63-69
Format/Umfang13 eighd. beschr. Seiten
IncipitIch darf keinen Tag mehr
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Mailand, 10. Mai 1825 Mayland 10 Mai 1825. Ich darf keinen Tag mehr verlieren wenn ich die Möglichkeit erhalten will, Ihnen durch den am 18ten von Wien abgehenden Courier zu schreiben. Der Fürst [hatte] war zwar gestern ebenfalls dazu geneigt. Heute aber ist ein höchst unruhiger Tag - der Einzug des Kaysers - wo nichts expedirt werden wird. Ich will also gegenwärtigen Brief, was auch weiter geschehen mag, unter Adresse des Grafen Sedlnitzky noch vor Mittag absenden. Ich bin seit dem 1 in Mayland; der Fürst ist in der Nacht vom 7 zum 8 angelangt. Er befindet sich äußerst wohl, und in der besten, heitersten Gemüthsstimmung. Die Reise über Lyon, Nismes, Marseille, Toulon, Nizza etc. (mit Victor, Pierre d'Aremberg, und Dr. Jäger) hat ihm außerordentliches Vergnügen gemacht. // Ein Courier den Lebzeltern am 14 April abgesendet, und den man von Wien gleich weiter spedirte, hat den Fürsten in Nizza erreicht. Der Fürst [xxx] hat sich zunächst nur mit den Haupt-Piecen dieser höchst merkwürdigen Expedition bekannt gemacht; ich habe den ganzen gestrigen Tag darauf verwendet, sie mit gebührender Aufmerksamkeit zu lesen. Ich mögte sie noch zweymal lesen; so groß ist das Interesse, das sie mir einflößt. Die Geschichte der letzten Conferenzen hat die Erbärmlichkeit des Russischen Cabinets ins volle Licht gestellt; für Lebzeltern war sie eine höchst rühmliche Epoche; seine Standhaftigkeit und Gewandheit hat eine verrückte Russische Proposition nach der andern überwältigt, und uns nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft in eine sehr beruhigende Stellung versetzt. Nie ist so [xxx] bestimmt, so nachdrücklich, so wiederholt, von uns, und unter beständiger Beystimmung Französischer - Preußischer Organe, ausgesprochen worden, daß die Alliirten, was [es] auch immer // der Gang und der Erfolg ihrer Pacifications-Versuche seyn möge, i n k e i n e m F a l l e zu Z w a n g s m i t t e l n schreiten, noch daran Theil nehmen werden. Die Conferenz-Verhandlungen haben sich [xxx] im Grunde durchaus um diese Frage gedreht. Der Kayser und Nesselrode haben in allen möglichen Formen und Wendungen, wenigstens die e v e n t u e l l e Zustimmung der Alliirten, wo nicht zum wirklichen emploi des moyens cöercitifs, doch zu einem langage comminatoire zu erreichen gesucht; Lebzeltern hat a l l e [Ihre] <diese> Bemühungen vereitelt. Er hat das Russische Cabinet so ad absurdum geführt, er hat ihnen so ungeheure Wahrheiten gesagt, er hat ihnen so sehr alle Auswege abgeschnitten, daß ihnen am Ende nur übrig blieb, [als] entweder die ganze Sache aufzugeben, oder, sie nach u n s e r m Sinne einzuleiten. In einem Augenblick von Unmuth und Verzweiflung schienen sie wirklich geneigt, jenes zu thun. Nesselrode erklärte, in der 8 oder 9ten Sitzung, der Kayser könne sich schlechterdings keinen refus von // Seiten der Pforte aussetzen; sobald also seine Alliirten nicht entschlossen wären, j e d e s Mittel aufzubieten, wollte Er lieber auf die ganze Negoziation Verzicht leisten. Lebzeltern und Laferronnaye sind klug genug gewesen, Nesselrode nicht beym Worte zu nehmen, vielmehr ihrer Seits darauf zu bestehen, im Wege der Vernunft und der Güte zu unterhandeln; sie haben aber aus dem Mißvergnügen des Russischen Cabinets die größten Vorteile zu ziehen gewußt. Vergleichen Sie das erste Protokoll vom 13ten März mit dem vom 7 April - und Sie werden erstaunen, wie sehr die Sache ihren Gehalt geändert hat ! Sie sehen, daß jetzt alles wieder von einer neuen Rücksprache zwischen den Cabinetten abhängt, und daß [xxx] b i s d a h i n in Constantinopel kein Schritt geschehen soll, der gefährliche, oder auch nur sonderlich compromittirende Folgen haben könnte. Selbst die Absendung der Commissarien nach Griechenland scheint fürs erste ajournirt zu seyn; und der Waffenstillstand - wird mit Stillschweigen übergangen. // Jetzt, Mein Verehrter Freund, komme ich an das, was Sie näher und persönlich angeht. Ich habe so eben beynahe 4 Stunden mit dem Fürsten zugebracht, ihn aber, wie ich es vorher sah, nicht bestimmen können, heute etwas nach Wien zu <be>fördern. Vielleicht geht in ein Paar Tagen ein Courier, der die Post nach Constantinopel noch einholt. Ich hingegen schicke gegenwärtigen Brief an Graf Sedlnitzky, um sicher zu seyn, daß er zur rechten Zeit auf die Staatskanzley gelange, an welche heute ebenfalls Niemand schreiben mag. Ich besitze Ihr freundschaftliches Schreiben und Ihre Depeschen vom 11 April seit dem 6ten d. Ich sehe aus jenem, daß Sie mit einer gewissen Unruhe, die ich vollkommen begreife, die Ankunft der Petersburger Beschlüsse erwarteten. Sie müßen selbige vor Ende des // April erhalten haben. Ungefähr gleichzeitig müßen Ihnen die Depeschen des Fürsten aus Paris vom 1ten April zugekommen seyn, enthaltend die ausdrückliche Vorschrift, Sich den Petersburger Beschlüssen, wie sie auch lauten mögen, zu conformiren. Wären die Verhandlungen in Petersburg nur da stehen geblieben, wo sie zur Zeit des Protokolls vom 13 März standen, so würde ich, obgleich damals alles eigentlich gefährliche bereits überwunden war, doch nicht ohne alle Besorgniß gewesen seyn. Nach den später eingetretnen Milderungen aber halte ich die Ihnen zunächst angewiesne Aufgabe für unschuldig und leicht. [Sie] <Zufolge des Protokolls vom 7 April> sollen <Sie> die Pforte bereden "à admettre spontanément l'intervention des Cours Alliées" - und allenfalls bewirken "qu'elle en provoque elle-même l e s a l u t a i r e exercice" - dieses // Geschäft wird immer noch seine Schwierigkeiten haben; wenn ich mich aber in meiner bisherigen Vorstellung von den Dispositionen der Pforte nicht gänzlich irrte, so kan wenigstens keine Art von Gefahr darin liegen. Auf einen so höflichen Antrag, wie Sie überdies noch stellen und modifiziren konnten, wie Sie wollten, läßt sich eine durchaus ablehnende, harte, oder irritirende Antwort kaum denken. Erfolgt nur diese nicht - so ist, wie ich Ihnen seit vier Monaten versichert habe, und heute mit w e i t g r ö ß r e r F e s t i g k e i t u n d Z u v e r s i c h t wiederhole - nichts, gar nichts zu befürchten. Das Spiel der Pforte beschränkt sich e i n z i g darauf, Mine zu machen, als ob sie die guten Intentionen der Höfe mit Dank anerkennte, und [Ihnen] <den> guten Rath und Beystand derselben nicht von sich weisen würde. Alles übrige wird sich von selbst geben. Der // Pazifications-Versuch ist ein, in seiner innersten Essenz so thörigtes und verkehrtes Unternehmen, daß er früh oder spät unter seinen eignen Schwierigkeiten und Widersprüchen, nothwendig erliegen muß. Das Russische Cabinet selbst fängt an, zu dieser Erkenntniß zu gelangen; wie Sie aus den letzten Lebzelternschen Depeschen mit Verwunderung sehen würden. Der Kayser hat nie weniger Lust gehabt, als jetzt, es zum Kriege kommen zu laßen. Wenn er in die andern Höfe dringt "de se déclarer prêtes à en venir en cas de besoin à d e s m o y e n s c ö e r c i t i f s" - so hat er dabey keine andre Absicht, als die, die Pforte mit der Einstimmigkeit seiner Alliirten zu schrecken, alsdann aber, wenn der Fall je wirklich einträte, Sich das Verdienst der Großmuth zuzuschreiben. - Ausgesprochen ist nun einmal, daß die Alliirten mit Zwangs-Maßregeln nichts zu schaffen // haben wollen. Dabey bleibt es. Alles, was wir innerhalb dieser Gränze thun können, um den Kayser mit schönen Phrasen, und entfernten Hoffnungen hinzuhalten - müßen wir thun. Es handelt sich in dieser großen, dem Anschein nach so furchtbaren Sache bloß darum, d'opposer des manoeuvres diplomatiques à des chimères. Das, Mein Freund, ist Ihre Rolle; und alles hängt davon <ab>, in wie fern die Türkischen Minister hellsehend und klug genug sind, Sie in dieser Rolle zu unterstützen. Von Ihren Collegen werden Sie hoffentlich allen guten Beystand zu erwarten haben. Ich habe mit großem Vergnügen erfahren, daß Miltitz zum Ministre plénipotentiaire ernannt ist; ich bitte Sie, ihm mit guter Art beyzubringen, daß er dies einzig und allein dem Fürsten Hatzfeld (das heißt u n s) zu danken hat: denn ich weiß bestimmt, daß Bernstorff sich noch nicht dazu entschlossen hätte. Sie werden in einer Depesche des Fürsten den Ausdruck finden, que la Prusse n'étoit presque pas connue à Constantinople. Sie werden dies nicht buchstäblich nehmen, sondern bloß als eine in der Eile niedergeschriebne Bemerkung, // um die Wichtigkeit der F r a n z ö s i s c h e n Mitwirkung mehr herauszuheben. Ich betrachte die Preußische Stimme keinesweges als so unbedeutend; und Miltitz wird sie hoffentlich geltend zu machen wißen. - Ein großes Glück ist es aber, daß Frankreich mit uns in allem und jedem, in Grundsätzen, Ansichten, Zweck und Mitteln, vollkommen einverstanden ist. Was ich darüber vom Fürsten vernommen habe, läßt mir nicht den kleinsten Zweifel übrig; und es ist wichtig, daß S i e Sich davon ganz überzeugen, weil Guilleminot, obgleich sein bisheriger Gang sehr löblich gewesen ist, doch als ein eitler Franzose hin und wieder manches auf eigne Rechnung versuchen könnte, wodurch Sie Sich nicht irre machen laßen werden. - Mit Minciacki hat es freylich eine andre Bewandniß. Die Russen bleiben Russen; und ich zweifle gar nicht, daß Minciacki geheime Instructionen erhalten wird, die nicht immer mit den gemeinschaftlichen übereinstimmen werden. Was kan er aber im Grunde ausrichten ? Das Protokoll, die gemeinschaftliche Norm, ist klar und unzweydeutig. Die Instructionen // (die wir übrigens noch nicht kennen, die aber in wenig Tagen durch einen von Lebzeltern angekündigten anderweiten Courier eingehen werden) sind sicher in demselben Geiste abgefaßt; sonst würde Lebzeltern sie nie unterschrieben haben. Man wird Minciacki, ich zweifle gar nicht daran, von allen Seiten aufzusetzen und zu devoutiren suchen. Ich denke aber, er wird Verstand genug haben, seine w a h r e Lage zu begreifen. Denn seyn Sie Versichert, daß der Kayser [es] ihm schlechten Dank wißen würde, wenn er Ihn in neue Verlegenheiten verwickelte. Minciacki's wahres Spiel ist nicht das der aufgeblasnen, heimtückischen, und halb-verrückten Russen, sondern das u n s r i g e. Noch muß ich Ihnen sagen, daß wir auch von England, wie sehr auch der Anschein das Gegentheil aussagen mag, vor der Hand nicht das Geringste zu befürchten [zu] haben. Ich könnte Ihnen dies weitläuftig beweisen, begnüge mich aber, Ihnen etwas von Stratford's Abschied von Petersburg mitzutheilen. In einem seiner letzten Gespräche mit Nesselrode äußerte er den Wunsch, wenigstens im Allgemeinen zu erfahren, was denn in den Conferenzen // beschlossen worden sey, und äußerte zugleich, Er halte es nicht für unmöglich, daß sein Cabinet, trotz alles vorgegangnen, an den Schritten der übrigen Theil nehmen würde, wenn man ihm die vorläufige Versicherung geben wollte, que jamais, et dans un aucun cas les puissances n'auroient recours à des mesures coercitives, ni contre la Porte, ni contre les Grecs. Diese Versicherung wollte ihm Nesselrode, - sey es aus Eigensinn, aus Hochmuth, oder, pour ne pas trop se compromettre, n i c h t geben. Er zog also ab, wie er gekommen war. Lebzeltern war aber klug genug, ihm c o n f i d e n t i e l l die beruhigende Versicherung mit auf den Weg zu geben, daß der Wunsch seines Cabinets durch die Resultate der Conferenz faktisch erfüllt sey ! Jetzt noch zwey Worte über u n s r e Projekte. Der Kayser wird (mehrere Excursionen mit eingerechnet) bis zum 15 und 20 Juny in, und in der Nähe von Mayland bleiben, nachher aber in andre Directionen so lange hin und her reisen, daß er schwerlich vor Ende July nach Wien zurückkehrt. - Der Fürst hat, außer den Projekten, die er mit dem Kayser theilt, noch verschiedene eigne, die ihn ebenfalls bis tief in den July in Italien fest halten werden; und seine Idee ist, [nicht] von Italien gegen den 1 August nach Ischel zu gehen, // und dort 4 Wochen zu bleiben. - Ich hingegen quod probe notandum bin von allen diesen Projekten bereits gänzlich freygesprochen, und reise, sobald der Kayser sich von hier nach Genua begiebt, das heißt, zwischen dem 29 und 31 M a y ohne weitres nach Wien zurück, so daß ich, wie ich Ihnen früher gemeldet hatte, in der M i t t e J u n y wieder zu Hause zu seyn hoffe. Hierauf können Sie zählen. Nächstens werde ich Ihnen die Gründe dieses Entschlusses, die hauptsächlich in dem Zustande meiner Gesundheit liegen, mittheilen. Der Fürst befindet sich außerordentlich wohl, hat mich mit seiner gewohnten Huld und Liebe behandelt, und ist völlig damit zufrieden, mich drey Wochen an seiner Seite zu behalten. Leben Sie wohl ! Meinen heutigen Brief würden Sie als einen Beweis meines Eifers und meiner Treue besonders schätzen, wenn Sie Sich vorstellen könnten, unter welchen unruhigen und ungünstigen Umständen ich ihn habe schreiben müßen. Gentz H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1825.g., Bl. 63-69. x Bl., F: ; 13 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.