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Gentz ; Mercy, Andreas Florimund Graf von
An Andreas Florimund Graf von Mercy, Prag, 7. April 1810, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 1199 1810

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2351
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Mercy, Andreas Florimund Graf von
AusstellungsortPrag
Datum7. April 1810
Handschriftl. ÜberlieferungWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 1199
Format/Umfang8 eighd. beschr. Seiten
IncipitSeit dem Kriege haben die
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Andreas Florimund Graf von Mercy Prag, 7. April 1810 Prag den 7ten April 1810. Seit dem Kriege haben die Beschränkungen und Schikanen bey der hiesigen Censur so überhand genommen, daß auch ich, ob ich gleich sonst unter die Vorzüglich-Begünstigten gehöre, dabey zu leiden anfange. Es [fehlen] gehen mir z. B. Zeitschriften bis in den vorigen Monat September hinauf, ab etc. Ich sprach darüber diesen Morgen mit dem Grafen Wallis, den, wie alle Autoritäten in der Provinz, auch bey dem besten Willen (den er gegen mich wirklich hegt) immer die Furcht vor einer möglichen Verantwortung hemmt. Ich sagte ihm - was wahr ist - daß ich während meines ersten langen Aufenthaltes in Wien vom Graf Cobentzl eine Verfügung an die Censur-Behörde ausgewirkt hatte, die mir ungefähr volle Freiheit verlieh, daß ich diese aber jetzt nicht geltend machen mögte, weil dazu eine Correspondenz mit der Polizey-Hof-Stelle, Vorträge an den Kayser, und Gott weiß welche andre mir verhaßte Weitläuftigkeiten erforderlich seyn würden. Darauf schlug mir Graf Wallis, als ein "Expédient", und, um mir seine // Bereitwilligkeit zu beweisen, vor: ich mögte suchen den Grafen O'Donnel dahin zu bestimmen, daß er ihm in einem P r i v a t - S c h r e i b e n, in jeder beliebigen Form, den Wunsch zu erkennen gebe, daß man mich, in Rücksicht auf den Empfang auswärtiger Schriften, mit möglichster Schonung, und nicht nach der Strenge der Censur-Gesetze behandle; allenfalls hinzufügend, wie es ganz in meinem Verhältnisse liege, daß man mir die Mittel, mit der auswärtigen Litteratur in beständiger Verbindung zu bleiben, auf jede Weise erleichtre. - Wenn Sie glauben, daß Graf O'Donnel, ohne daß es ihn weiter eine Ueberwindung koste, und o h n e V o r t r a g a n d e n K a y s e r diesen einfachen Schritt thun würde, so bitte ich Sie, ihn in meinem Nahmen darum gehorsamst anzusprechen. - Wenn Sie hingegen Schwierigkeiten bey der Sache sehen, so laßen Sie sie fallen. Ob ich gleich weiß, daß ich Ihnen kein sonderliches Vergnügen damit mache, kan ich mich doch nicht entbrechen, Ihnen folgende Stelle eines (nicht an mich gerichteten) Briefes aus dem Nördlichen Deutschland über einen wichtigen Punkt unsers neuen Finanz-//Systems mitzutheilen. Nachdem in diesem Briefe über den Wiener Frieden, und die Vermählung, viel strenges und zum Theil furchtbares gesagt, auch große Klage über m i c h geführt worden ist, kömmt die Reihe endlich an das Finanz-Patent vom 26. Februar. Und da heißt es dann: - "Das Jubelgeschrey der Hölle über die Confiscation des geistlichen Vermögens werden Sie wohl schon vernommen haben; also rechte ich nicht mit Ihnen über den gleichgültigen Ton, in welchem sogar Sie von diesem schrecklichen Ereigniß reden. Die Geistlichkeit konnte allerdings eingeladen werden, und würde in Oesterreich nicht vergeblich eingeladen worden seyn, ihr, ewigen Zwecken geweihtes Vermögen, einstweilen dem Staate zu seiner Befestigung zu gestatten: aber welcher Dämon hat den 5ten Paragraph des Finanz-Patents dictirt ? Wer spricht in O e s t e r r e i c h von "den allgemein als rechtskräftig anerkannten Grundsätzen etc." ? Wer wagt es in Oesterreich, sich darauf zu berufen ? wer macht die A u s n a h m e der glorreichen Vorfahren zu einer Regel für die Gegenwart ? Muß ich das unselige Wort - C u l t u s, feyerlichen (i. e. auf die Sinne des schwachen, großen Haufen wirkenden) Cultus, in einem Patent lesen, welches // Franz II unterschrieben ? - - Von Freiheit ist also auch in Oesterreich in dem Stande nicht mehr die Rede, der die Freiheit des Gemüthes behaupten soll ? Auch dort soll er ambiren, hofiren, betteln, bey der weltlichen Macht, um das kümmerliche Taglohn für seine polizeylichen Täuschungen, und für die Decorationen und Spectakel der geistlichen Schaubühne ! Das heißt panem geben den Völkern, und doch die circenses respectiren. Die Reformation (Luthers nehmlich) hat mit der Vereinzelung und Privatisirung der Herzen angefangen, und mit der Confiscation der geistlichen Güter geschlossen; es giebt aber eine andre, und eben so verabscheuungswürdige, umgekehrte Reformation, die mit der Confiscation der geistlichen Güter anfängt, und nothwendig mit der Zerstückelung und Zersetzung der gesammten Geistlichkeit, also der Kirche, also des menschlichen Herzens endigt. - Mißverstehen Sie mich nicht. Die Geistlichen Güter können hergegeben werden für die Banco-Zettel; ein Heiligthum kan das andre Heiligthum stützen; aber es muß mit Freiheit geschehen von Seiten // der Geistlichkeit, nicht die weltliche Macht muß beschließen. Das Recht der Geistlichkeit auf diese heiligen Grundstücke muß zuerst aufs feyerlichste bestätigt werden: am liebsten verpflichte man, [die] wenn die Geistlichkeit dem Staate das Opfer mit Freiheit bringt (was in Oesterreich nicht ausbleiben konnte, wenn man es nur mit halber Geschicklichkeit anfing) jede Diözese, und jeden Sprengel, auf seine Kirchengüter ein angemessnes Capital in Conventions-Geld oder in Zetteln zu borgen. Der Staat wird durch seine einseitigen Künste, in Zeiten wie die jetzigen, auf seine neue Acquisition wahrlich keine nahmhafte Summen in klingender Münze zu borgen finden. Dieser 5te Paragraph ist eben so unpraktisch als frevelhaft.Ueber das System im Ganzen ließen sich Bücher schreiben. Ein nicht schwer zu errathender, scharfsinniger, hier sehr behutsam und leise auftretender Apologist desselben in der Allgemeinen Zeitung, hat selbst schon erklärt, d e r E r f o l g könne eigentlich nur darüber aussprechen. Wie dem auch sey, der obgedachte Paragraph macht es m i r wenigstens unmöglich, mich tiefer in die Sache einzulaßen. Und Gentz hat concurrirt dabey ? Und nicht, so lange er noch Athem hatte, protestirt ? Er etc. etc. etc." Ich habe Ihnen diese etwas stürmische Kritik mitgetheilt - um mein Herz zu erleichtern. In Wien konnte ich wenig oder gar nichts über jene, von mir gewiß nicht gebilligte Maßregel, sagen. Gegen Graf O'Donnel wagte ich es kaum das Geringste darüber zu äußern, weil dies unglücklicher Weise der Punkt war, an welchen er gerade am unerschütterlichsten zu hängen schien. Gegen Sie, Mein Theurer Freund, versuchte ich es zwar hin und wieder, fand Sie aber gleichfalls in einer sehr entgegen gesetzten Stimmung. Nichts desto weniger hat die Sache mir sehr kummervolle Augenblicke gemacht; und hätte ich an der Stelle des Grafen Metternich (der [xxx] bey seinem ersten Gespräch mit mir Himmel und Erde aufbieten zu wollen schien, um den Schlag gegen die geistlichen Güter abzuwenden) in der Conferenz gesessen, ich glaube, Sie hätten kein leichtes Spiel mit mir gehabt. Ich war sogar von Anfang an, selbst über den p r a k t i s c h e n Werth der Maßregel, der Meynung jenes Briefstellers. Denn [je] beträchtliche Anleihen in Conventions-Gelde bringen Sie auf die Hypothek // der Geistlichen Güter gewiß nicht zu Stande, wenigstens gewiß nicht innerhalb des zu Erreichung des Hauptzwecks erforderlichen [Zeit] <Termins>; für die zweite große Hülfsquelle aber, für das Arrosement der Obligationen, kömmt es auf [alte] Hypotheken, [xxx] <alte, oder neue,> nicht an; die Ergiebigkeit dieser Quelle, wird, wie Sie so gut und besser wissen als ich, durch ganz andre Umstände bestimmt werden. Die Sache ist jetzt einmal im Gange; und alles weitre Klagen darüber [xxx] unnütz; auch können Sie fest versichert seyn, daß ich m e i n e Einwürfe dagegen durchaus in mich verschließen werde. Aber das glaube ich doch von Ihnen hoffen zu dürfen, daß Sie bey der Ausführung der die geistlichen Güter betreffenden Maßregeln, alles thun und einleiten werden, was zur Milderung dieser Maßregeln, und zur Schonung derer, die mit dem Prinzip derselben nicht einig sind, beytragen kan, und daß Sie über keiner oekonomischen oder pekuniären Rücksicht, den großen m o r a l i s c h e n Gesichtspunkt, der hier zu beherzigen ist, ganz aus den Augen verlieren werden. Wenn mir diese Hoffnung bleibt, so werde ich es nicht bereuen, Ihnen mit meiner gewöhnlichen // Freymüthigkeit über diesen kritischen Gegenstand geschrieben zu haben. - Ich halte es übrigens für rathsam, daß Sie Ihrem Chef nichts davon sagen; ich ehre und liebe ihn so sehr, daß ich ihm, ohne dringende Veranlaßung, auch nicht eine unangenehme Minute bereiten mögte; dies wäre aber der Fall, wenn ich mit ihm rechten wollte über einen Punkt, in Ansehung dessen nun einmal keine Uebereinstimmung zwischen uns möglich scheint. Meine Gicht macht mir sehr viel zu schaffen; ich verwende indessen alle Kräfte die sie mir übrig läßt, auf das Ihnen bekannte Geschäft. - Sollte irgend ein wesentlicher Schritt, oder irgend eine bedeutende Modification, in dem neuen System eintreten, so benachrichtigen Sie mich doch mit wenig Worten davon, damit ich nicht den Lügen oder Plattheiten des unwissenden Publikums ausgesetzt sey. Leben Sie wohl, Mein Vortreflicher Freund ! Gentz H: Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 1199. x Bl., F: ; 8 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.