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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 29. Januar 1830, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 3, [?], Bl. 1-4 1830

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2089
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Prokesch-Osten, Anton von
LocationWien
Date29. Januar 1830
Handwritten recordHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 3, [?], Bl. 1-4
Size/Extent of item6 ½ eighd. beschr. Seiten
IncipitIch habe Ihre beyden Briefe
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 29. Januar 1830 Wien den 29 Januar 1830. Ich habe Ihre beyden Briefe vom 17 und 20ten erhalten, und hoffe, daß Ihnen auch der meinige an den Herrn Polizey Director Catlanci adressirte zugekommne seyn wird. Es freut mich ungemein, daß Ihr Abschied von der Escadre und nahmentlich von Graf Dandolo unter so günstigen Auspizien Statt gefunden hat. Das Zeugniß, welches der letztre Ihnen ausgestellt, ist in so hohem Grade ehrenvoll, daß, wenn es wirklich noch Leute geben sollte, die Ihre Verdienste verkennen oder verkleinern mögten, solchen durch dies Dokument allein ewiges Stillschweigen auferlegt würde. Die Besorgniß die zur Zeit Ihrer Abreise in Griechenland herrschte, und die Sie Selbst getheilt zu haben scheinen, hat, wie Sie jetzt wohl schon wissen werden, keinen Grund mehr. Die von dem Französischen Cabinet ausgehende Idee, der Pforte die bekannte Alternative zu stellen, wurde in London einen Augenblick angenommen, aber bald wieder an beyden Orten auf//gegeben; und bereits im November meldete uns die Englische Regierung, daß man der Pforte, nicht alternativ, sondern p o s i t i v, ein in der Gränze von Zutrum zum Aspropotamos begriffnes unabhängiges Griechenland vorschlagen (id est vorschreiben) wollte. Ich weiß nicht, woher bey Ihnen und Andern die Meynung entstanden ist, daß die Russen gegen diese Entscheidung arbeiteten. Allerdings wollte der Russische Hof in frühern Zeiten von der Unabhängigkeit Griechenlands durchaus nichts wissen, und formalisirte sich noch sehr, als wir im Jahr 1825 bey den Petersburger Conferenzen mit einem darauf Bezug habenden Antrage auftraten. Aber gegen Ende des Jahres 28, oder zu Anfange 29, war Lieven bereits angewiesen, jeder Abänderung in den Bestimmungen des Londner Traktats über die künftige Regierungsform [beyzutr] Griechenlands, wenn die beyden andern Höfe Werth darauf legten, beyzutreten; und in den neusten Verhandlungen hat Rußland nie mehr auf der buchstäblichen Vollziehung des Traktates bestanden. Daß [es] dem I n t e r e s s e dieses Hofes ein abhängiges Griechenland weit besser zusagen // würde, ist einleuchtend; und wenn Sie mich fragen sollten, w a r u m denn Rußland anders gehandelt hat, als es nach Ihrer Erwartung handeln mußte, und als Sie mit einer gewissen Zuversicht voraus zu setzen schienen - so kan ich Ihnen darauf eben so wenig antworten, als auf die Frage: warum Rußland den größten Theil seiner Schiffe aus dem Mittel-Meer zurückzieht - und warum überhaupt heute eine Menge von Dingen geschieht, die mit unsrer frühern Vorstellung von der Russischen Präpotenz und Outre-cuidance nicht zusammen zu reimen sind. Ob die Russen Capodistrias fallen laßen werden ? ist freylich dadurch noch nicht klar, daß sie für die Unabhängigkeit von der Pforte stimmen. Doch glaube ich, daß sie selbst über diesen Punkt ziemlich traitable sind. Ich schließe dies theils aus der Ruhe, mit welcher der Kayser Nicolaus die von Lord Heytesbury ihm übermachte heftige Anklage (wegen versuchter Meutereyen in den Jonischen Inseln) hingenommen hat, theils aus der Theilnahme der Russischen Bevollmächtigten an allen Correspondenzen und Debatten über die Wahl eines fremden Fürsten. // Was diesen letzten Gegenstand betrift, so kan ich Ihnen nicht bergen, Mein Werthester Freund, daß hierin unsre Ansichten ganz von einander abweichen. Ich finde es nicht allein bejammernswürdig sondern höchst lächerlich, und nur aus derselben groben Ignoranz, welche [bey] in dem ganzen Lebenslaufe der Tripel-Allianz gewaltet hat, erklärbar, daß man einen Deutschen Prinzen zum Herrscher über Griechenland ernennen will. Ueber das Unsinnige das in dieser Idee liegt, könnte ich ein Buch schreiben. Erwägen Sie den einzigen Punkt der Religion. Soll der Protestantische Prinz die Griechische annehmen ? Könnte man dies einem Deutschen zumuthen ? Oder soll er, mit einem Gefolge von Aufklärern und Philosophen die alten "Götter Griechenlands" wieder herstellen, und ein ohnehin demoralisirtes Volk zum heillosesten Materialismus erziehen ? Wenn Prinz Philipp, dem allerdings das erste Anerbieten von Seiten Englands geschah, und den der Kayser Nicolaus gewiß sehr favorisirt hätte, nicht gleich entschlossen gewesen wäre, sich die Ehre zu verbitten, ich würde ihn beschworen haben, sie abzulehnen. Prinz Leopold der vom Satan besessen seyn muß, um seine // herrliche Existenz gegen eine solche Galeere zu spielen, interessirt mich weniger, und doch schäme ich mich in seinem, und der Englischen Minister Nahmen vor der elenden Form die man ihm auflegt. Ich denke auch noch immer, daß es im Ernst nicht dazu kommen wird. Wozu einen Prinzen ? Wozu einen Souverain ? Griechenland ist durch seine geographische Lage, durch seine physische Construction, auch den Charakter seiner Einwohner, durch seine heutige Armuth, durch alle seine Antécédens z u r R e p u b l i k bestimmt; eine Vefassung wie die Helvetische, nur mit dem Unterschiede, daß ein mit großer fast unumschränkter Gewalt bekleideter Präsident an der Spitze steht - das nenne ich le gouvernement Grec; und wenn der Präsident ein Mann wie Maurocordato oder Fricapu seyn könnte, so bliebe m i r nichts zu wünschen übrig; und ich glaube steif und fest, daß S i e völlig meiner Meynung seyn würden, wenn nicht die (sehr verzeihliche) Furcht vor dem Regiment der Capodistrias und der Russen, Sie mit der unglücklichen Idee des Deutschen Prinzen ausgesöhnt hätte. Indem ich dieses schreibe, erhalte ich Ihren Brief vom 24ten. Ueber den Artikel im Courier bin ich völlig beruhiget. Ich hoffe auch, daß // er dem Journal, für dessen Erhaltung ich mich lebhaft interessire, nicht schaden wird. Die Russen fürchte ich in dieser Hinsicht wenig; weit mehr die Franzosen, deren Eitelkeit so leicht verletzt werden kan. Ich sah neuerlich einen Bericht von Guilleminot, der mir etwas bange machte; ich hoffe aber, er wird von keinen Folgen seyn. Sie werden, auch im schlimmsten Falle, vor Ende des künftigen Monats bey uns eintreffen, und ich denke, die gute Aufnahme die Ihnen bevorsteht, wird alles verwischen, was Sie noch von alten Klagen auf dem Herzen haben. Ich berühre diese empfindliche Seite hier nur sehr leise, da [Sie] ich nur durch Andre zufällig erfahren habe, daß Sie Sich durch verschiedne Vorgänge gekränkt glauben, die in meinen Augen vielleicht mit Unrecht, von keiner sonderlichen Bedeutung sind. M i c h beschäftigt nichts in Bezug auf Sie, als die Sorge, wie man Ihre Zukunft reguliren wird; hinge dies vom Staatskanzler allein ab, so würde ich recht ruhig dabey seyn; da aber hier von einer ganz neuen Organisation // die Rede seyn wird, so können wir auf manche Hindernisse stoßen, die unser guter Wille allein nicht <zu> überwältigen vermag. Doch ich mag Ihnen, da Sie ohnehin nur zu geneigt sind, die Dinge von der trüben Seite zu betrachten, nicht neue Phantome erwecken, die sich vielleicht in Nichts auflösen werden. Ein Paar Gespräche sind überdies mehr werth als alle schriftliche Explicationen; mögen [mir] jene je eher je lieber zu Theil werden Ihrem sehr ergebnen Gentz H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Schachtel 3,[ ?]. Bl. 1-4. x Bl., F: ; 6 ½ eighd. beschr. Seiten. D: [?]