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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Wien, 2. Juli 1824, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 92-95v 1824

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2017
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Ottenfels-Gschwind, Franz von
AusstellungsortWien
Datum2. Juli 1824
Handschriftl. ÜberlieferungHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 92-95v
Format/Umfang7 ½ eighd. beschr. Seiten
IncipitMit der letzten Post, Mein Verehrter
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Wien, 2. Juli 1824 Wien den 2ten July 1824. Mit der letzten Post, Mein Verehrter Freund, habe ich zugleich Ihr Schreiben vom 10ten, und das frühere vom 27 May erhalten. Dieses, welches der Courier Walter vermuthlich auf der Contemy zurück gelaßen hatte (von wo er erst seit ein Paar Tagen hier eingetroffen ist) war vom General-Commando an Matusch in Hermanstadt gesendet worden. Ich vermuthe fast, daß es nicht durch Hackenau gegangen war. Wenn Sie Sich entschließen, mir durch Matusch zu schreiben, so bitte ich, solches jedesmal unter Hackenau's Adresse zu thun, an welchen ich auch alle m e i n e Briefe adressire, wenn sie nicht unmittelbar von der Staatskanzley expedirt werden. Ich danke Ihnen sehr für alle mir mitgetheilten Nachrichten. Ich freue mich, daß Sie an der Wieder-Belebung des Spectateur oriental arbeiten, und werde mich meiner Seits gewiß aufs angelegentlichste für diese Sache interessiren. Unterdessen bitte ich Sie, auch das zu beherzigen, was ich Ihnen in meinem letzten Briefe wegen der in Griechenland erscheinenden Zeitungen schrieb. Weiss, // der nun wirklich von seinem Posten abgerufen ist, hat uns in dieser Rücksicht, wie in allen andern, gar zu schlecht bedient, und seine letzten Berichte (vom 3ten, 5ten und 12 Juny) beweisen, durch ihre Insolenz, noch mehr als durch ihre Unbrauchbarkeit, wie sehr der Fürst Recht gehabt, diese Maßregel, obschon zu spät, zu ergreifen. Hauenschild ist zwar zum Consul in Zante ernannt; die Instruction aber, in diesem Charakter aufzutreten, hat ihn nicht mehr in Trieste erreicht, und er wird daher fürs erste in einer Art von Incognito erscheinen. Die ganze Einleitung, oder vielmehr Verwahrloung dieser Sache gereicht mir zum äußersten Mißfallen. Was läßt sich aber, bey der Art, wie gewisse Geschäfte hier betrieben werden, ausrichten ? Ich thue was ich kan, um gute Ideen des Fürsten zu cultiviren, oder ihm selbst deren vorzutragen. Die Ausführung fällt aber größtentheils in schwache, unwillige, oder durchaus träge Hände. Es ist wirklich ein Jammer, in welchem Zustande wir uns befinden. Die Depesche vom 17ten May wegen Auslegung unsrer Neutralität wäre nie zu Stande gekommen, wenn ich nicht darauf gedrungen, und selbst Hand angelegt hätte. // Und doch m u ß t e diese Sache, die, Dank sey es der Schlaffheit der Staatskanzley, vom Hofkriegesrath und der Commerz-Commission so falsch behandelt worden war, wieder ins rechte Geleise gebracht werden. Wir hätten das Wort Neutralität nie aussprechen sollen. Canning hat am 15ten Juny im Parlament, bey Gelegenheit [xxx] einer Erklärung über die Spanischen Colonien (wegen deren Anerkennung er doch glücklicher Weise noch nichts bestimmtes gethan hat) folgende merkwürdige Worte gesprochen: Nous avons d'abord déclaré n o t r e n e u t r a l i t é entre les Colonies et l'Espagne comme parties belligérantes; c' é t o i t d é j à l e s c o n s i d é r e r c o m m e p l a c é e s a u r a n g d e s n a t i o n s, p u i s q u e n o u s l e s t r a i t i o n s d e p u i s s a n c e s b e l l i g é r a n t e s." Ich weiß nicht, ob er früher oder später einst das Nehmliche von den Griechen sagen wird; aber durften w i r uns dergleichen Grundsätze aufdringen laßen ? Und haben wir sie nicht in unsern unüberlegten Instructionen stillschweigend angenommen ? Ich sehe mit Vergnügen aus Ihrem Schreiben vom 10ten daß Sie meine Bemerkungen über Ihre Stellung in Constantinopel nicht ungünstig aufgenommen haben. Dagegen trete ich Ihnen völlig bey, wenn Sie die Aufrechthaltung des freundschaftlichen Vernehmens mit Strangford als die erste // und wichtigste aller Rücksichten betrachteten. Er hat eine Menge großer und wesentlicher Charakter-Fehler, und ich mögte nicht mit ihm in irgend eine Collision, die seine Eifersucht aufregen könnte, gerathen; nichts desto weniger sind Sie gewiß meiner Meynung, daß seine Abwesenheit von dem dortigen Schauplatz eine empfindliche Lücke seyn wird. Die Protestationen gegen Turner kommen wahrscheinlich zu spät; übrigens behauptet Wellesley, er sey ein beschränkter, und deshalb unschädlicher Mensch. Ich glaube, daß Canning insgeheim froh ist, in der ersten Zeit nach der Rückkehr der Russischen Mission die Englische Stimme in Constantinopel gleichsam ruhen zu laßen, weil ihn dies von der Nothwendigkeit, in die Verhandlung sehr kritischer Fragen unmittelbar einzugreifen, gewissermaßen dispensirt. Ein Punkt, den ich Strangford sehr vorwerfe, ist der, daß er die Pforte mit ihren Ansprüchen auf die Restitution des Asiatischen Littorals jederzeit zu viel geschont und caressirt hat. Ich fürchte diese Sache f a s t so, wie die Griechische. Der Russische Hochmuth wird sich gegen diese Forderung (wenn gleich kein großes Real-Interesse darin liegt, und das klare Recht auf der Seite der Pforte steht) nicht weniger e m p ö r t fühlen, als der Türkische durch die Zumuthung, die Griechischen Angelegenheiten // mit fremden Mächten zu discutiren. Auf den Pascha von Aegypten ist meine letzte Hoffnung gerichtet. A l l e i n kan er es aber nicht ausfechten; und ich sehe in den Vorbereitungen zu andern Operationen wieder dieselbe Langsamkeit und Schwäche, wie in den frühern Feldzügen. Was bey Larissa geschieht und geschehen wird, mag Gott wissen. Daß aber der Pascha von Scutari, und Omer, auf welche beyde man doch stark zu rechnen scheint, bis zum 12 Juny noch nicht die geringste Bewegung gemacht hatten, scheint mir gewiß. Der Fürst befindet sich auf Johannisberg ganz vortreflich, und schreibt mir die heitersten Briefe. Es wimmelt dort von besuchenden Diplomaten; von Conferenzen ist aber durchaus nicht die Rede. Mit Münch, Hatzfeld, Berstett etc. wird allerdings über einige D e u t s c h e Angelegenheiten gesprochen. Die Europäischen schlafen. Ich erwarte täglich vom Fürsten die nähere Bestimmung des Tages, wo er [Frankfurt] Johannisberg zu verlaßen, und sich nach Ischel zu begeben gedenkt. Ich glaube schwerlich, daß er vor dem 10ten aufbricht. Ich werde meiner Seits nicht vor dem 15ten nach Ischel gehen, folglich bey Ankunft der nächsten Türkischen Post noch hier seyn. Vermuthlich sind wir zwischen dem 12ten und 15 August alle wieder in Wien. A p r o p o s. Sie werden zwey Depeschen vom Fürsten erhalten <haben>, in Betreff der Divergenz // zwischen Ihren und Strangford's Aeußerungen über die (e r w a r t e t e) Proposition der Pforte in puncto der Garnison der Fürstenthümer. Der Fürst hat mir eigentlich verboten, über diese Sache an Sie zu schreiben, und zwar aus dem wohlgemeynten Grunde, "damit Sie nicht etwa seine Bemerkungen t r a g i s c h e r nehmen mögten als sie seyn sollten." Es ist kaum der Mühe werth bey so kleinen und kleinlichen Dingen zu verweilen. Ich vermuthe, daß die Pforte nicht einmal auf respektive 1000 und 500 bestehen, sondern eine noch geringre Anzahl vorgeschlagen haben wird. Auch begreife ich wohl, daß Strangford, um seine Rolle durchzuspielen, sich scheinbar gegen jede Abweichung von dem Status quo auflehnen zu müßen glaubte; daß aber deshalb andre vernünftige Leute dieselbe Comödie hätten spielen sollen, - und zumal da selbst Minciacky keine Lust dazu bezeugte, ist mir nicht so klar. Sie mögen aber von diesem Beyspiel von neuem lernen, wie chatouilleux der Fürst über alles ist, was dem Kayser von Rußland auffallen könnte. Uebrigens würde er die Depeschen nicht geschrieben haben, wenn nicht Tatischeff in seiner // Nähe die Luft vergiftete. Dieser Sacripant wird uns noch vielfältigen Verdruß bereiten. Ich habe auf Treu und Glauben Ihres Berichtes in den Beobachter setzen laßen, daß Djanib Effendi die Stelle eines Nischandji-Baschi erhalten hat. In der zugleich angekommnen Beförderungs-Liste steht aber: "Zum Nischandji - der ehmalige Reichsmarschall M e h m e t S a l i E f f e n d i" - Ist das vielleicht der Nahme von Djanil ? Oder waltet hier ein Irrthum ob ? - Das letztre ist sicher der Fall bey einer andern Rubrik, wo es heißt, "Zum Statthalter von Morea - Ibrahim Pascha - zugleich G o u v e r n e u r v o n R a k k a." Ibrahim Pascha konnte nie Gouverneur von R a k k a seyn.Sie werden bemerken, mit welcher Vorsicht ich mich im Beobachter über den bevorstehenden Feldzug ausdrücke. Haben Sie von Pouqueville's histoire de la régénération des Grcs in 4 Bänden - dort bereits etwas gesehen oder gehört ? Es ist [eines] das wichtigste Buch, welches bisher über diese Begebenheiten erschien, von vielen Seiten sehr lehrreich, zugleich aber eins der tollsten, unverschämtesten, ärgerlichsten, und - gegen uns und England - feindseligsten unsrer Zeit. // Diese Lectüre hat mich mehrere Wochen lang anhaltend beschäftigt, und mir viel böses Blut gemacht. Pfeilschiffter soll und muß nach Wien berufen werden; ich laße nicht los davon. Ob er h i e r den Staatsmann fortsetzen kan oder nicht, ist eine Frage von untergeordneter Art. Wir brauchen aber schlechterdings in unsrer Nähe einen Menschen, der Talent und Muth genug hat, um s o zu schreiben, der m i r zum Beystand dienen, und den ich für die Zeit, wo meine Feder brechen wird, zu einem wahren Staats-Schriftsteller ausbilden kan. Bleiben Sie mir gewogen ! Gentz H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 92-95v. x Bl., F: ; 7 ½ eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.