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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Preßburg, 6. Oktober 1830, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 3, [?], Bl. 96-102 1830

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1967
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Prokesch-Osten, Anton von
AusstellungsortPreßburg
Datum6. Oktober 1830
Handschriftl. ÜberlieferungHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 3, [?], Bl. 96-102
Format/Umfang13 eighd. beschr. Seiten
DruckorteProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 391-393 (tlw.)
IncipitSchließen Sie ja nicht, Mein
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Anton von Prokesch-Osten Preßburg, 6. Oktober 1830 Preßburg 6ten Oktober. Schließen Sie ja nicht, Mein Theurer Freund, aus dieser späten Antwort auf den Grad von Interesse, womit ich Ihr Schreiben gelesen habe. Seit langer Zeit war mir kein liebenswürdigeres und erfreulicheres zugekommen. - Aber ich führe hier ein Leben, welches sich überhaupt schwer, und schriftlich <gar> nicht, ohne sehr weit auszuholen, beschreiben läßt. Ich habe eigentlich keine Ursach zu klagen. Es ist mir nichts Unangenehmes widerfahren; im Gegentheil hat mein // hiesiger Aufenthalt mich zu verschiednen für meine Privat-Verhältnisse nicht unwichtigen Aussichten und Combinationen geführt. Nur die ewige Unruhe, die große Mannichfaltigkeit von Dingen und Menschen, womit ich mich beschäftigen muß, die wenige freye Zeit, in welcher ich meine Lectüren und C o r r e s p o n d e n z e n bestreiten kan - dies und zahllose k l e i n e Inconvenienzen erhalten mich in einer Art von fieberhafter Bewegung, und machen mich oft sehr unmuthig. // Die merkwürdigste Episode meines hiesigen Lebens, war mein Verhältniß mit Graf Orloff. Die Wendung die dieses genommen hat, kan ich Ihnen nur dereinst mündlich darstellen, und auch dann werden Sie noch Mühe haben, daran zu glauben. Wenn ich Ihnen sage, daß von den 5 oder 6 oder 8 Stunden, die ich jeden Tag mit ihm, theils allein, theils en tiers mit dem Fürsten, theils in [der] Gesellschaft zubrachte, die Hälfte die größten politischen Fragen, und die // andre Hälfte F a n n y zum Gegenstande hatte - werden Sie mich nicht für toll halten ? Und doch ist, oder vielmehr w a r es so; denn vor einer Stunde habe ich ihm das Geleit bis über die Donau gegeben, und er reiset, ohne sich in Wien aufzuhalten, nach Petersburg zurück. Er ist, wie Sie schon aus obigem schließen werden, einer der originellsten Menschen. Seine Sendung wird unserm ganzen Verhältniß mit Rußland eine veränderte Gestalt geben. // Ich habe, wie Sie wohl denken können, ohne alle böse oder unbescheidne Absicht, den beyliegenden Brief der Fürstin Pauline der bloß in einem an mich gerichteten kleinen Zettel gehüllt war, in einem Augenblick von Hast, aufgerissen, jedoch sobald ich es inne wurde, keins der Geheimnisse, die er enthalten kan, zu erforschen gesucht; und bitte Sie daher nur pro forma um Verzeihung für diesen Fehler. //Der Fürstin Grasalkovich habe ich das Gewissen zu rühren, wenigstens feurige Kohlen auf ihr Haupt zu sammeln gesucht, indem ich sie auf die Sanfmuth und Zartheit Ihrer sehr gegründeten Klagen aufmerksam machte. Etwas hat es gewirkt; ich fürchte aber, daß in den Tiefen ihrer Seele noch ein, m i r durchaus unbegreifliches Vorurteil gegen Sie wurzelt, welches die Zeit wohl ausrollen wird. Dagegen ist Ihre Erinnerung an Melanie mit unbedingter // Freundlichkeit aufgenommen worden. Die Krönung war allerdings ein prachtvoller und sehenswerther Akt. Was Sie aber von den Festen sprechen, in welche Sie uns versenkt glauben, ist eine leere Voraussetzung; es gab deren, außer ein Paar großen Diners, einigen Cercles, und einem einzigen Hof-Ball keine. Gestern hatten einige 20 junge Herren vom Hohen Adel einen Ball veranstaltet, wozu sie die Honoratiores, und // Diplomaten einluden. Ich blieb auf diesem Ball, wo sich eine große Anzahl hübscher und eleganter Weiber und Mädchen befand, einige Stunden, und hatte dort das längst-gewünschte Vergnügen, mich mit dem Herzog von Reichstadt bekannt zu machen. Es war nur die Einleitung zu einem längern Gespräch. Wie unendlich mir aber sein Aeußres, seine Stimme, und seine Manieren gefielen, kan ich Ihnen kaum beschreiben. S o hatte ich mir ihn nicht // vorgestellt. Dietrichstein war über den Eindruck, den er auf mich machte, entzückt. Der Wunsch, diesen Jüngling auf einen Platz gestellt zu sehen, der ihm zur Entwicklung seiner herrlichen Anlagen Gelegenheit gäbe, fängt an, viele Proselyten zu gewinnen. Die Weiber raffoliren von ihm. - An Erfüllung dieses Wunsches ist aber w e n i g e r a l s j e zu denken, wie ich Ihnen zu seiner Zeit berichten werde. Fanny hat mir während der Reise drey lange und zärtliche Briefe geschrieben, und // gestern erhielt ich zwey von ihr aus B e r l i n. Sie sollte dort am 30 September in der Nachtwandlerin zum ersten Mahle auftreten. Seit Ihrer Abwesenheit ist mir erst recht deutlich geworden, wie sehr ich an diesem Mädchen hänge. Was auch mit mir, und um mich her vorgehen mag, sie ist mir ohne Unterlaß gegenwärtig. Meine Augen sind für alles andre in der Welt wie abgestorben. Ich geitze nach einer halben Stunde, um ihr zu schreiben, wie nach dem köstlichsten Genuß. Schön // und rührend haben Sie gesagt, "ich habe einen Bund mit dem Himmel geschlossen." Wenn dieses Glück nicht durch irgend eine Tücke des Schicksals gestört wird, wünsche ich mir keinen andern Himmel als den auf Erden. Fanny, der ich von u n s e r m ersten Abend-Gespräch nach ihrer Abreise geschrieben hatte, antwortete mir aus Berlin:"Wenn Prokesch zu Dir kömmt, so empfiehl mich ihm; er soll Dich während meiner Abwesenheit nicht verlaßen, und wenn ich zurück komme, mir das Vergnügen seines Besuches schenken." Von politischen Dingen mag ich Ihnen nicht schreiben. Ich sehe aus Ihrem Briefe, daß Sie über einige Hauptpunkte j e t z t gerade so denken wie ich, und mögte mir fast, weil selbst Ihre Worte mit den Meinigen so ganz übereinstimmen, einbilden, ich hätte auf Sie gewirkt. - Ich fürchte Frankreich heute ungleich weniger, als die Niederlande und die Aufstände in Deutschland, und ahnde eine schreckliche Zukunft. Unser Aufenthalt in Preßburg verlängert sich so ins Unbestimmte hinein, daß Sie mir // sicher noch einmal schreiben können. Thun Sie das, lieber Freund ! Ihre Briefe erquicken mich, und schmeicheln mir, wie wenn man sich nach einem ermüdenden Tage auf ein weiches Küssen legt. Selbst Ihre Melancholie thut mir wohl; ich bedaure täglich, Sie nicht neben mir [neben mir] zu wissen, und habe ein wahres Bedürfniß, wenigstens Ihre Handschrift zu sehen. Leben Sie recht wohl ! Ihr Gentz H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 3, ; Bl. 96-102. x Bl., F: ; 13 eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 391-393 (tlw.).