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Gentz ; Reden, Friedrich Wilhelm Graf von
An Friedrich Wilhelm Graf von Reden, Berlin, 22. August 1797, 1797

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1927
Briefaussteller
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Gentz
Briefempfänger
Reden, Friedrich Wilhelm Graf von
AusstellungsortBerlin
Datum22. August 1797
DruckorteReuß, Eleonore Fürstin von: Friederike Gräfin von Reden geb. Freiin Riedesel zu Eisenbach. Ein Lebensbild nach Briefen und Tagebüchern, 2 Bde, Berlin 1888 (Hertz), Bd. [?], 153-154 [?]
IncipitIch schreibe diese Zeilen bloß,
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Friedrich Wilhelm Graf von Reden Berlin, 22. August 1797 Ich schreibe diese Zeilen bloß, um dem glücklichen Besitzer von Buchwald den Eindruck zu schildern, den dieser bezaubernde Ort auf mich gemacht hat. Vergeben Sie, Herr Graf, wenn ich in dieser Hinsicht, mit Weglassung alles Ceremoniells, auf einige Augenblicke nur den Eingebungen meines Herzens folge. Die meisten Dinge in der Welt sind eines Mehr oder Minder fähig, und haben gewöhnlich ihren Werth nur in ihrem Grade. Wenn ich Gold und Silber in Massen verschwendet sehe, darf ich mir nur hundertmal größere denken, um den Eindruck jener auszulöschen. Mit allem, was Pracht, Luxus, Reichthum, Gewalt, leider sogar mit allem, was Verstand, Kenntniß und Tiefsinn heißt, verhält es sich eben so. Die bloße Vorstellung eines Größern stört das Vergnügen am gegenwärtigen. Nur ein einziges unter allen menschlichen Dingen, unter allen menschlichen Fähigkeiten nur eine, hat ihre Vollendung in sich selbst, und schließt alle Idee der Grade aus - es ist der G e s c h m a c k. Ein Werk, welches der Geschmack gewirkt oder geleitet hat, befriedigt durch sich selbst und läßt im ganzen Umfange der Dinge nichts im eigentlichen Verstande größeres suchen oder erwarten. Ein wahres Kunstwerk ist der vollendetste oder vielmehr der einzige vollendete Gegenstand des menschlichen Genusses. Nun giebt es aber, meines Erachtens, unter allen Objekten, welche der Geschmack bearbeiten kann, keins, das seine Bemühungen so sehr verdient und so sehr belohnt, als e i n e a n u n d f ü r s i c h s c h ö n e N a t u r, ein Objekt, welches schon vor der Bearbeitung die Sehnsucht des Menschen nach dem Vollendeten und Unendlichen in so hohem Grade befriedigt. Der reinste Geschmack auf die schönsten Natur-Szenen angewendet - muß also das edelste aller von Menschen gemachten Produkte geben. So entstand die jetzige Anlage von Buchwald. Ich würde die Schönheit dieser Anlage herabzusetzen glauben, wenn ich sie bloß durch Vergleichung mit andern heben wollte. Es versteht sich zwar von selbst, daß jede andre davor schwinden würde, denn Buchwald ist ohne allen Streit und selbst für den gemeinen Maßstab der schönste Ort in Schlesien und einer der schönsten der Welt. Aber es ist eben das eigenthümliche einer wahren Geschmacksschöpfung, daß man nicht über sie hinausgehen darf und muß, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In Buchwald ist keine Linie, gewiß keine Haupt-Linie gezogen, die nicht nach allen Gesetzen der Schönheit liefe, keine Parthie gezeichnet, die nicht ihre Rechtfertigung in ihrem unfehlbaren Effekt fände, kein einzelner Theil geordnet, der nicht in die Harmonie des Ganzen stimmte. Dabei waltet allenthalben der edle Grundsatz vor, daß auf einem Theater, wie das, welches die Natur dort aufstellte, ein geschicktes Wegräumen der Hindernisse das erste, eigner Zusatz, auch des Ideenreichsten und Geschmackvollsten Kopfes nur das zweyte seyn sollte. Dabei ist alles, was bloße Menschenkunst liefern mußte, die Architektur im weitesten Umfange, in einem Style gearbeitet, dessen Correktheit und Würde gewiß jeden Kunstkenner befriedigen wird. Wenn dereinst der ganze Plan, mit dem Sie umgehn, ausgeführt ist - und ungefähr so, als wäre er schon ausgeführt, muß man sich Buchwald immer denken -, so mögte wohl für den, welcher die Erhabenheit der Natur zu schätzen und die Grenzen der Kunst zu beurtheilen weiß, so mögte wohl für die Kritik so wenig als für den Genuß etwas zu wünschen übrig bleiben. So würde ich Buchwald schildern, wenn ich es bloß gesehen hätte. Daß ich es eigentlich genoß, ist für den Werth dieses elysischen Aufenthalts Nebensache: - aber es sey mir erlaubt, Ihnen, Herr Graf, für zwey reitzende und unvergeßliche Tage zu danken, die ich dort, durch die Berufung auf Ihre Protection eingeführt, verlebt habe. Was diese Tage gewesen wären, wenn mir das Glück so wohl gewollt hätte, auch dem Geiste, der alle diese Schöpfungen belebt, meine persönliche Huldigung darbringen zu lassen, das habe ich mir wohl in manchen Augenblicken gedacht, glaube aber nicht, daß Bescheidenheit und Ehrfurcht gestatten, es auszudrücken. Ich habe nicht den tausendsten Theil von dem, was ich sagen wollte, gesagt. Der Stoff ist zu reich, und ich erinnere mich eben, daß Sie mehr, weit mehr noch als der Besitzer von Buchwald sind. Vielleicht ist es mir einmal vergönnt, meine Empfindungen von dem Orte, wo sie einheimisch sind, und in Ihrer Gegenwart laut werden zu lassen. Vergönnen Sie mir diese angenehme Aussicht und erlauben Sie, daß ich mich unterdessen in Ihr gnädiges Wohlwollen mit jener wahren und innigen Verehrung empfehle, die unablässig begeistert Ihren gehorsamsten und ergebensten Diener Berlin d. 22t. Aug. 97. Gentz. H: nicht ermittelt. D: Reuß, Eleonore Fürstin von: Friederike Gräfin von Reden geb. Freiin Riedesel zu Eisenbach. Ein Lebensbild nach Briefen und Tagebüchern, 2 Bde, Berlin 1888 (Hertz), Bd. x, 153-154.