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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Wien, 14.-17. Oktober 1829, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Faszikel 1829.g., Bl. 121-128v 1829

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1863
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Ottenfels-Gschwind, Franz von
AusstellungsortWien
Datum14.-17. Oktober 1829
Handschriftl. ÜberlieferungHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Faszikel 1829.g., Bl. 121-128v
Format/Umfang16 eighd. beschr. Seiten
IncipitDiesen Morgen, Mein Vortreflicher Freund
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Wien, 14.-17. Oktober 1829 Wien den 14ten Oktober 1829. Diesen Morgen, Mein Vortreflicher Freund, erhielten wir die Expedition vom 26ten v. M. und, obgleich die Post erst in drey Tagen abgeht, so fange ich doch, um nicht von der Zeit übereilt zu werden, heute schon an, Ihren interessanten und zugleich sehr liebenswürdigen Brief zu beantworten. Ich habe mich in meinem letzten Schreiben nur kurz, nachdrücklich, vielleicht etwas schneidend, ausgesprochen, wie es der erste Augenblick mit sich brachte. Jetzt will ich meine damals geäußerte Meynung, ohne sie zurück zu nehmen, besser motiviren. Der Friede von Adrianopel kan und muß aus einem doppelten Standpunkte beurteilt werden. Einmal, in Hinsicht auf das allgemeine Interesse von Europa, und dann in Hinsicht auf das jetzige und künftige Schicksal der Pforte. Aus dem ersten Standpunkte betrachtet, erkläre ich ihn unbedingt für das größte Heil, welches Europa widerfahren konnte. Um hierin vollkommen beyzustimmen müßten Sie unsre Gesammt-Lage, die Stellung, den Geist, und die Fähigkeiten der Cabinette so genau kennen, als ich, // welches bey Ihrer großen Entfernung von den Haupt- und Central-Punkten der Politik, so viel politischen Scharfsinn Sie auch besitzen mögen, absolut unmöglich ist. Wien ist heute vielleicht der einzige Punkt in Europa, wo man die Krankheiten, die tödtlichen Krankheiten, die in den Eingeweiden der Gesellschaft wüten, vollständig und von allen Seiten erkennt, und die Gefahren, die uns bedrohen in ihrem ganzen Umfange begreift. Es wäre, selbst für eine confidentielle Correspondenz, zu viel gewagt, wenn ich Ihnen hier eine getreue Schilderung der Personen, in deren Händen gegenwärtig unser Wohl und Weh liegt, entwerfen wollte. Sie halten mich gewiß weder für einen Träumer, noch für einen muthwilligen Satyrenschreiber. Ich aber sehe deutlich aus einer Menge Ihrer Aeußerungen, daß Sie immer noch eigentlich nicht wissen, ja manchmal kaum zu ahnden scheinen, quam minima sapientia regitur mundus ! S c h l i e ß e n müßen Sie es jedoch aus dem unerhörten Gange, welchen, besonders in den letzten vier Jahren, die größten Welt-Angelegenheiten genommen, und aus den greulichen Resultaten, welche sie herbeygeführt haben.Was in einer solchen Lage der Dinge, und unter einer solchen Leitung, die Folgen eines // allgemeinen Krieges, eines Krieges zwischen den Europäischen Haupt-Mächten geworden seyn würden, kan man sich ohne Entsetzen nicht denken. Nun aber gab es, nach meiner innigsten Ueberzeugung kein andres Dilemma mehr für uns, als: Friede, das heißt Beendigung des Krieges im Orient, auf welche Bedingungen es auch seyn mogte - oder allgemeiner Krieg. Fiel der diesjährige Feldzug für Rußland nachtheilig aus, fand die Pforte den Muth und die Mittel, es zu einem dritten Feldzuge kommen zu laßen, so war der Bruch zwischen den großen Mächten, im nächsten Frühjahr unvermeidlich, unwiderruflich. Ich mache einen starken Anspruch an Sie, indem ich Sie auffordre, mir diese, nicht leichtsinnig niedergeschriebne Wahrheit vorläufig aufs Wort zu g l a u b e n, und den Augenblick abzuwarten, wo ich Ihnen die Beweise dafür werde mittheilen können. Da es nun, wie Sie mir gewiß zugeben, Gradationen im Verderben giebt, so können Sie mich nicht tadeln, wenn ich - bey dieser meiner wohl-gegründeten festen Ueberzeugung - den jetzt geschlossnen Frieden, selbst wenn er noch ärger ausgefallen wäre als er ist, für eine (comparativ) große Wohlthat erklärte. Wie sehr dieses mein Gefühl von allen Parteyen geteilt wird, ergiebt sich aus den Lamentationen und Diatriben, die jetzt schon die liberalen Blätter // aller Länder, besonders die Französischen und Deutschen gegen den Frieden anstimmen, und aus der Beruhigung welche die Freunde der Ordnung daran finden. "Ainsi tombent - sagen die Royalisten in Frankreich - toutes les illusions que la faction avoit fondées sur la grande affaire d'Orient", und die Französischen Minister sehen sich - und den Thron - als h a l b gerettet an. Ich gehe nun zu der zweyten Frage, zu der speziellen Beurteilung des Friedens-Traktates über; und hier unterscheide ich wieder, was in Bezug auf R u ß l a n d, in Bezug auf die P f o r t e, und in Bezug auf E u r o p a überhaupt davon zu sagen ist. M ä ß i g u n g ist allerdings ein relativer Begriff; - muß [es] aber <als solcher> in einem Falle [xxx] wie der gegenwärtige, so gut für den Sieger als für die Besiegten gelten. Im Vergleich mit dem, was die Russen fordern konnten, ungestraft fordern konnten, haben sie wenig gefordert. Ich sage nicht, daß es in ihrer Macht stand, ohne sich einem Europäischen Widerstande auszusetzen, das Türkische Reich in Europa aufzulösen. Ich sage aber, sie hätten die Cession der Fürstenthümer, und Bulgariens bis an den Balkan, und [xxx] der Hälfte von Armenien, und anstatt 10 Millionen 50 verlangen können, ohne daß die // Pforte die Macht, noch irgend einer ihrer guten Freunde den ernsten Willen gehabt hätte, es zu verhindern. - Der Kayser hatte freylich wiederholt versichert, in diesem Kriege keine Eroberungen machen zu wollen; von dergleichen Versicherungen aber zieht man sich durch hundert diplomatische Subtilitäten zurück; und wenn gleich die Stimmen einiger ehrlichen Männer Ihn wortbrüchig gescholten hätten, so hätte dafür die weit stärkre der tief-verderbten öffentlichen Meynung Ihm von allen Seiten lauten Jubel zugejauchzt. Ob der Kayser aus Gerechtigkeitsliebe, aus Großmuth, aus Klugheit, aus Berücksichtigung einheimischer Verhältnisse, oder aus w e l c h e n Gründen Er sich bestimmt hat, die seinen Generalen und Negoziateurs vorgeschriebne Gränze nicht zu überschreiten ? - ist eine Frage, in die ich mich nicht einlaßen darf, obschon die Mittel zur Beantwortung derselben mir keinesweges fehlen. Es ist und bleibt unwidersprechlich gewiß, daß er weiter gehen k o n n t e, als er wirklich ging; und die Lobredner seiner Politik sind in so fern allerdings berechtiget, seine M ä ß i g u n g zu preisen. Die Wirkungen des Friedens-Schlusses auf die jetzige und künftige Existenz der Pforte, haben Sie in einem Ihrer letzten Berichte, mit einer Einsicht und Gründlichkeit dargelegt, die keinem Zweifel Raum läßt. // Ich stimme allen Ihren Bemerkungen bey, den meisten sogar ohne Einschränkung. Wenn aber das Türkische Reich jetzt an der Schwelle des Unterganges steht, so ist es nicht der F r i e d e, sondern der vorhergegangne K r i e g, der diesen Untergang besiegelt hat. Ja, selbst der Krieg hat eigentlich nur die tiefen innern Wunden, an welchen das Reich siechte, zum vollen Ausbruch befördert, vor aller Welt Augen aufgedeckt. Ein robuster Körper würde weder durch Einen unglücklichen Feldzug unheilbar zerrüttet worden seyn, noch an dem Frieden von Adrianopel sterben. Erinnern Sie Sich, welche Traktate, und welche Bedingungen (viel härter als die heutigen) über Oesterreich 1805, und 1809, über Preußen 1807, über Frankreich 1814 und 1815 ergangen sind ! und [xxx] keine dieser Mächte sank deshalb von der ersten Linie herab. Daß man einen so beschaffnen Staat einem Kriege mit Rußland P r e i s g e b e n konnte - d a s war das große Unglück, das die große Sünde unsrer Zeit; für diese sind aber die, welche es verhindern konnten und mußten, weit strafbarer als die , welche Nutzen daraus zogen. Was endlich das Interesse der übrigen Mächte betrift, so kan wohl kein vernünftiger und unterrichteter Mensch ohne Furcht und Schrecken in die Zukunft blicken. Ich verblende mich gewiß nicht über die zahllosen Gefahren, in welchen das Türkische Reich schwebt, und glaube, daß dessen Erhaltung sich ohne ein Wunder kaum erwarten läßt. Ich habe diesen Krieg vom ersten Augenblick an für den v o r l e t z t e n gehalten, den es zu führen hatte; wie lange es dem l e t z t e n ausweichen wird, vermag wohl Niemand zu bestimmen. Der innre Verfall kan es früher noch tödten, als Schläge von außen her; ob und wann diese erfolgen werden, hängt, meines Erachtens, weniger von dem unmittelbaren Verhältnisse zwischen Rußland <und der Pforte>, als von der Wendung ab, welche unser bewegtes Jahrhundert den Schicksalen der sämmtlichen Europäischen Staaten geben wird. Das Ende des Krieges im Orient ist ein großer Abschnitt in der Zeit-Geschichte. Die Tripel-Allianz hat ihr trauriges Ziel erreicht; die große Allianz von 1814 und 1815 ist erloschen, die Mächte stehen nun wieder alle isolirt. Welche n e u e Combinationen sich bilden werden, kan in diesem Augenblick kein menschlicher Scharfsinn berechnen. Ich verspreche mir wenig Gutes von der Zukunft; ich wiederhole, was ich Ihnen im März des Jahres // schrieb; wir haben noch nicht genug gebüßt; die Nemesis ist noch nicht befriediget. Ich fürchte die Pforte wird für das an ihr verübte Unrecht schwer gerächt werden. In welchem Zustande Frankreich sich befindet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen; auch über England ziehen sich finstre Wolken zusammen; das Türkische Reich, wenn gleich in seinen letzten Grundfesten erschüttert, wird stehen oder fallen, je nachdem sich die Keime der allgemeinen Zerstörung im übrigen Europa schneller oder langsamer entwickeln werden. Was Constantinopel bevorsteht, wird immer nur der Rückschlag des allgemeinen politischen Bankerutts seyn, der uns alle erwartet ! den 16ten Oktober Die Note, welche die Pforte an die Botschafter erlaßen hat, war zweckmäßig und geschickt abgefaßt. Der Fürst fand sie etwas z u geschickt, und besorgte, daß sie Verdacht erregen würde. Er mißbilligt übrigens den Schritt als völlig unnütz, und compromittirend. Ich bin nicht ganz dieser Meynung. Es ist wahr, daß die Pforte durch den 10ten Artikel des Traktates // sich aller Ansprüche auf eine ihr günstigere Delimitation Griechenlands begeben hat. Es ist ferner wahr, daß die Londner Conferenz des Beystandes der Pforte nicht bedarf, wenn sie den Willen und die Kraft hat, das Protokoll vom 22 März mit Billigkeit zu interpretiren. Indessen giebt die Türkische Note denen, welche sich hiezu geneigt fühlen, immer einen Anhalts-Punkt mehr. Das schlimmste ist aber, daß die Pforte selbst diesen Schritt für ein bloßes Spiegel-Gefecht zu halten scheint, indem sie wie ich mit nicht geringem Befremden vernehme, den Botschaftern erklärt hat, daß sie keinen besondern Werth darauf lege, sondern alles der Großmuth der Alliirten Höfe anheim stelle ! Die Entscheidung der Griechischen Sache wird ganz im Einklange mit den zeitherigen Maßregeln erfolgen, und das Werk der Tripel-Allianz würdig krönen. Ich weiß aus sehr guter Quelle, daß es im Antrage ist, der Pforte die Alternative vorzulegen: e n t w e d e r die ihr reservirten Vorteile, Superainität, Tribut ppp mit der vollen Gränzbestimmung des Protokolls - o d e r ein völlig unabhängiges Griechenalnd mit der Gränze - (Sie denken veilleicht des Isthmus ? - O Nein !) von dem Golf von Zeitrun bis an den Aspropotamos <et l'isle de N e g r o p o n t y composé. - // und über diese Alternative soll sich die Pforte in 36 Stunden erklären. - Et nunc, amici, plaudite ! Der Fürst ist, wie Sie aus seinen heutigen Depeschen ersehen werden, sehr lebhaft mit den Mitteln beschäftigt, der Pforte die Zahlung der Contribution zu erleichtern, und dadurch eine Abkürzung der Militair-Occupation der Fürstenthümer zu bewirken. Die Idee ist allerdings heilsam, und ich zweifle auch nicht an ihrer Ausführbarkeit. Ich glaube selbst, daß sie von Seiten Rußlands keinen sehr großen Schwierigkeiten begegnen wird; daß der Kayser sogar den Wunsch hat, seine Truppen je eher je lieber zurück zu ziehen (dies wird Sie wundern, und ist doch wahr). Ich gestehe Ihnen aber, daß ob es gleich immer zu wünschen seyn mag, die Fürstenthümer baldmöglichst geräumt zu wissen, der davon zu hoffende Vorteil mir doch nicht überwiegend groß scheint. Denn durch die Supplementar-Convention in Betreff der Fürstenthümer ist die künftige Herrschaft der Pforte über diese Länder ja ohnehin vernichtet, oder in einen bloßen Schatten verwandelt. Dieser Artikel ist unstreitig, für uns, wie für die Türken, der schlimmste in dem ganzen Traktat, // und von diesem ist keine Erlösung zu hoffen. Ich sehe überhaupt nicht ein, wozu die nach Petersburg abgehende Gesandschaft führen soll; sie kan im günstigsten Falle dem Sultan - oder vielmehr seinen Unterthanen - ein Paar Millionen Geldes retten, auf welche ich bey einem so [so] fürchterlichen Schiffbruch keinen besondern Werth legen würde. Wie dieser Schiffbruch auf meine persönliche Lage wirkt, ist Ihnen bekannt; und es gehört wohl eine gute Dosis von Selbstverleugnung dazu, um die gegenwärtige Katastrophe mit der Unbefangenheit zu beurteilen, wie ich es in diesem Briefe gethan habe. Meine, von jeher sehr schwache Hoffnung, das, was mir durch den Krieg entzogen ward, nach dem Frieden wieder zu erlangen, ist nun völlig zertrümmert. Hackenau schreibt mir zwar, die Wahl eines neuen Fürsten würde wahrscheinlich auf Brancowna oder Ghika <fallen>, w e n n man den Bojaren ihre Freiheit ließe; wie könnte man sich aber dessen schmeicheln ? Und sollte auch wirklich ein gegen uns n i c h t feindlich gesinnter Fürst ernannt werden, was würde ihm in seinen neuen Verhältnissen ein Oesterreichischer Correspondent helfen ? und wie ließe sich eine der frühern nur irgend ähnliche Correspondenz selbst von meiner Seite denken ? Ich muß folglich über // vier Fünfttheile meiner durch 15 Jahre gemessnen Einkünfte den Strich ziehen. Von irgend einer Entschädigung war bis jetzt keine Rede, wenigstens keine reelle Aussicht. Ich bin in einer Bedrängniß, die ich Ihnen nicht schildern mag; und, wenn zwischen hier und wenigen Monaten mir nicht irgend ein Glücksstern aufgeht, irgend eine wesentliche Hülfe mir zu Theil wird, so weiß ich nicht, wie und wo ich das Jahr 1830 anfangen, und noch weniger, wie und wo ich es endigen werde. Nach 40 jährigen Arbeiten und Anstrengungen, und 26 jährigen Diensten in Oesterreich selbst, hätte ich wohl einen etwas bessern Schluß meiner Laufbahn erwarten können. Es muß Ihnen sehr sonderbar vorkommen, Mein Theurer Freund, daß ich Ihnen unter solchen Umständen von meinem Umgange mit Frauen, und meinen gesellschaftlichen Successen mit Wohlgefallen und Heiterkeit schreiben konnte. Ich will Ihnen diesen scheinbaren Widerspruch erklären. Fürs erste hat meine seit anderthalb Jahren auffallend restaurirte Gesundheit den mich drückenden Sorgen ein glückliches Gegen-Gewicht gehalten; dann ist es wahr, daß das Bewustseyn meiner Kräfte, des Nahmens den ich mir erworben, und // der Freundschaft so mancher mächtigen Personen, die sich für mich interessirten, und wohl noch interessiren, ein, vielleicht an Leichtsinn gränzendes Vertrauen, und den Gedanken, daß man mich unmöglich ganz zu Grunde gehen laßen könnte, in mir erzeugt hat. Endlich aber müßen Sie Sich meine F r i v o l i t ä t, die denn auch nicht weiter reicht, als es in meinen Jahren und bey meinen ernsthaften und traurigen Geschäften erlaubt und anständig ist, wie ein v o r s ä t z l i c h ausgedachtes Correctif wider die M e l a n c h o l i e vorstellen. So wie Andre, denen es schlecht geht, ihre Zuflucht zum Trinken nehmen, so ich zu den Weibern, und berausche mich, wie jene im Champagner, in unschuldiger Coursmacherey, geistreichen Gesprächen, Billets- , deren ich täglich einige von den liebenswürdigsten Personen der Gesellschaft (denn mit gemeinen gebe ich mich nicht ab) empfange und beantworte - oft auch nur im bloßen Anblick eines hübschen Gesichtes. Le diable n'y perd rien, und, was mich oft befestiget, ist, daß meine Damen nicht ahnden, in welcher fatalen Lage ihr Anbeter sich befindet ! Uebrigens haben Sie gerechte Ursach zu fürchten, daß Ihre Frau, wenn sie so ist, wie sie mir von verschiednen Seiten geschildert wurde, meiner Aufmerksamkeit nicht // entgehen wird, wenn ich anders bis zum künftigen Frühjahr mich nicht schon gänzlich von der Welt zurück gezogen habe. Sie, Mein Theurer Freund, noch einmal zu sehen, ist in der That einer meiner sehnlichsten Wünsche. Den 17ten Oktober Gestern ist der Englische Courier angelangt der Constantinopel am 2ten d. verlaßen hatte. Die, vermuthlich nunmehr gehobnen, Besorgnisse des General Diebitsch sind mir sehr begreiflich. Ich weiß jetzt, aus ganz zuverläßigen Quellen wie es vor und nach der Unterzeichnung des Friedens auf dem Krieges-Schauplatz in Rumelien aussah. Die Paschas von Scutari und Bosnien [hatten] standen diesseits und jenseits Sophia mit einem Corps von w e n i g s t e n s 50,000 Mann, die sich jeden Augenblick mit dem Großvezier, den Niemand hindern konnte, mit 30,000 Mann - sogar von den Russen unbemerkt - aus Schumla hervor zu brechen, vereinigen, und auf die Communication der Russischen Haupt-Armee marschiren konnten. Thaten sie dies, gingen sie z. B. über Tatar-Bazar nach Kazandzik und Jamboli, so war die un//mittelbare Folge - daß Diebitsch, mit einer geschwächten Armee von h ö c h s t e n s 45,000 Mann, dem es nie Ernst, ja wahrscheinlich nicht einmal erlaubt war, nach Constantinopel zu marschiren, sich so fort von Adrianopel zurück ziehen mußte. Er war von dem, was in seinem Rücken vorging, so wenig unterrichtet, daß [xxx] erst die Erscheinung von 15 oder 20,000 Mann in Philippopel ihn auf die Größe der Gefahr aufmerksam machte. Ein Paar entschlossner Männer vielleicht ein einziger hätte dem ganzen Kriege einen Umschwung und eine andre Gestalt geben können. Aber ohne Befehl zu handeln, ohne Befehl den Staat zu retten, dazu hatte, leider, Niemand den Muth; und das Befehlen war in die Bären gefahren. Der Sultan ist offenbar ein crasser Ignorant, und sein alter Ego, der Seraskier, wenn mich nicht alles trügt, ein Verräther. Ich hatte längst aufgehört, von den Türken etwas Tüchtiges zu erwarten; doch so ohnmächtig und niederträchtig wie sie sich jetzt gezeigt haben, dachte ich mir sie nicht. Selbst mein Mitleid mit ihnen hat sich in die tiefste Verachtung verwandelt. Was soll man von Leuten sagen, die ihre stolzen Ueberwinder mit Liebkosungen überhäufen, die Ruthe küssen die sie schlägt, die bey Uebergabe der Note in Betreff der Griechischen Sache, in einer eignen Apostille erklären // daß es ihnen n i c h t e i n f ä l l t, den Artikel X des Traktates zu umgehen ?? Den Brief an Argiropoulo sende ich Ihnen zurück weil ich mich mit dessen Beförderung, bey den eingetretnen Umständen, nicht befassen mag, und ohnehin mit Caradja seit langer Zeit außer aller Verbindung bin. Kan man wohl noch einem einzigen dieser Griechen trauen ? Das, was Sie zur Erklärung der Defection des Bruders sagen, scheint mir nicht hinreichend, und ich glaube, Er ist aus reinem Wankelmuth, und um seine Gesellen in Morea aufzusuchen, zum Schurken geworden. Um diese lange Epistel mit etwas Angenehmen zu beschließen, melde ich Ihnen, daß Prokesch bestimmt ist, den ersten diplomatischen Posten in Griechenland zu bekleiden, und daß darüber bereits ein v o r l ä u f i g e r Vortrag erstattet worden. Er soll nach Wien berufen werden, um hier seine Instructionen zu erhalten. Eine bessre Wahl konnte nie getroffen werden, und ich hoffe, sie wird auch seinen Wünschen entsprechen. Leben Sie wohl ! Der heutige Begleiter der Post ist ein sehr empfehlungswürdiger Mensch, den Sie übrigens bereits kennen. Gentz H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Faszikel 1829.g., Bl. 121-128v. x Bl., F: ; 16 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.