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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Weinhaus, 18. Juli 1826, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1826.g., Bl. 116-120v 1826

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1835
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Ottenfels-Gschwind, Franz von
AusstellungsortWeinhaus
Datum18. Juli 1826
Handschriftl. ÜberlieferungHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1826.g., Bl. 116-120v
Format/Umfang10 eighd. beschr. Seiten
IncipitDer Fürst ist gestern früh abgereiset
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Weinhaus, 18. Juli 1826 Wien (Weinhaus) den 18 July 1826 Der Fürst ist gestern früh abgereiset. Er hat sein erstes, durch 14 Tage aufgegebnes Projekt, zum Theil auf mein Zureden, wieder zur Hand genommen, und fängt nun mit Böhmen an, wo er ungefähr 3 Wochen verweilen, und von wo er sich nach Johannisberg begeben will. Da seine Abreise sich so verspätet hat, so wird er schwerlich vor dem 10ten oder 12 September nach Wien zurückkommen. So sehr ich auch heute einiger Ruhe bedarf, und so sehr mir, ich gestehe es Ihnen aufrichtig, in dieser Betrachtung die Abwesenheit des Fürsten willkommen ist, so war doch mein diesmaliger Abschied von Ihm, und der Gedanke, dritthalb Monat von Ihm getrennt zu seyn, von andern Seiten traurig für mich. Dies hat seinen Grund theils in gewissen mir persönlichen Gefühlen, die meine wankende Gesundheit in mir erregt, und über die ich mich hier nicht weiter auslassen mag, theils in dem Eindruck, den die schwarze Physiognomie der öffentlichen Angelegenheiten auf mich, // wie auf den Fürsten, macht. Wir hatten am Tage vor seiner Abreise ein langes und vertrautes Gespräch über Gegenwart und Zukunft. Hätten Sie davon Zeuge seyn können, Sie würden vollkommen begreifen, wie ich das meyne. Ich schließe aus manchen Aeußerungen Ihrer Briefe, daß Sie Sich den moralisch-politischen Zustand Europa's weit weniger schlecht denken, als er ist. Wir haben für den Augenblick, und hoffentlich für ein Paar Jahre, keine Störung des äußern Friedens zu befürchten; unsre Monarchie ist von keiner sichtbaren Gefahr bedroht; unser politisches Ansehen - was auch unsre zahllosen Feinde gern dagegen verbreiten mögten - ist unverkürzt. Das sind allerdings wesentliche Beruhigungs-Gründe. Aber wir leben in einem unabläßigen, täglich, stündlich wiederkehrenden, schweren, bittern Kampfe mit einer tief verderbten öffentlichen Meynung, und zu gleicher Zeit mit einer Masse schwacher, oder halb-toller, oder treuloser Regierungen, die den gemeinschaftlichen Feinden alle Macht, deren sie bedürfen, in die Hände spielen. Car l'opinion // n'est la reine du monde, que lorsque le monde n'a plus de rois. Das ist der Schlüssel zu allem was uns in Verzweiflung setzt. Die Organe dieser verkehrten Meynung werden mit jedem Tage thätiger, verwegner, entschlossner. Was in den letzten drey Monaten, nicht bloß mit Reden, Schreiben, und Correspondiren, sondern mit activen Umtrieben in der Sache der Griechen geschehen ist, übersteigt allen menschlichen Glauben. Die Summen, die in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland, der Schweitz, Toscana und so fort aufgebracht werden, die Krieges-Werkzeuge und Krieges-Mittel jeder Art, die unaufhörlich nach Griechenland s t r ö m e n, die Operations-Plane, welche einige hundert über Europa ausgestreute Vereine mit einander complotiren - die Zuversicht endlich mit welcher alle diese Unholde von dem unbezweifelten Succeß ihrer Complotte, und von der gänzlichen Ohnmacht der Cabinette sprechen - von dem allen wissen Sie, wie mir scheint, wenig oder nichts; wir aber lernen, nicht aus diplomatischen Berichten, ob diese gleich nie etwas tröstliches enthalten, sondern aus hunderten von Intercepten jeden Augenblick hundertmal mehr als wir je zu // wissen gewünscht hätten. Der Fürst ist mit der Ueberzeugung abgereiset, daß es s o nicht länger fortgehen kan, und daß wir spätstens zur Zeit seiner Rückkehr zu irgend einer großen, kräftigen Maßregel schreiten müßen, sollte es zuletzt auch auf die Gefahr hin geschehen, von Niemanden ernsthaft unterstützt zu werden, und uns mit der ganzen Allianz zu entzweyen. Was auf Ihrem Punkte sich zugetragen hat, betrachte ich als ein von der göttlichen Vorsehung herbeygeführtes, locales, aber höchst wirksames Gegen-Gewicht gegen die steigende Gewalt des bösen Geistes der uns von allen Seiten belagert. Ich theile auch alle Ihre Ansichten über diese große Begebenheit. Wenn nicht alle vernünftigen Hoffnungen fehl schlagen, wird und muß sie der erste Akt einer völligen Regeneration des Türkischen Reiches seyn. Sie w ü r d e auch ohne allen Zweifel die Unterwerfung der Rebellen, zum größten Heil für uns alle, erleichtern und beschleunigen, wenn nicht, durch die unseligste aller Fatalitäten, gerade in // dem jetzigen Augenblick diese Unterwerfung, durch das vereinte Spiel aller verruchten Factionen, und aller verblendeten Philantropen von Europa, mehr als jemals erschwert, [oder] und fast unmöglich gemacht würde. Sie werden die Idee, die mir den beyliegenden Französischen Brief eingegeben hat, vielleicht seltsam finden. Er ist aber ein treuer Abdruck meiner Gemüthsstimmung. Ich bin nie mit den Türken in unmittelbarer Berührung gewesen, weiß selbst nicht, ob ich sie lieben oder hassen würde, wenn ich sie näher kennte. Aber das lebhafte, ich mögte sagen, zärtliche Interesse, das ich heute an ihren Schicksalen nehme, ist theils die Folge meiner festen Ueberzeugung, daß es um Europa sehr schlecht stehen würde, wenn ihre Macht wesentlich sinken sollte, theils aber auch, und vielleicht mehr <noch>, die Contre-Partie, der Reflex des unbeschreiblichen Hasses, welchen ich ihren sämmtlichen Feinden, die ich alle auch als die unsrigen betrachte gewidmet habe. - Ob Sie von dem Briefe Gebrauch machen können und wollen, ist // mir, die Wahrheit zu sagen, ziemlich gleichgültig. Mir genügt schon, ihn geschrieben, und in Ihre Hände niedergelegt zu haben. Der Redacteur des Protokolls vom 4ten April, und der Rechtfertigung desselben, kan allerdings kein andrer seyn, als Nesselrode, oder einer seiner nächsten Gehülfen. Ich weiß nicht, ob Ihnen der Fürst s ä m m t l i c h e von uns darüber geschriebne Noten mitgetheilt hat. Der Ursprung dieser Noten war sonderbar genug. Der Fürst legte gleich anfänglich auf [xxx] jene erbärmliche Transaction weit mehr Werth als ich; wir hatten darüber einige harte Discussionen; ein Paar Wochen später kam er von seinen ersten Impressionen zurück, und theilte unbedingt meine Ansicht. In der Zwischenzeit aber befand er sich in der heftigsten Bewegung, und beschäftigte sich Tag und Nacht mit Kritiken und Widerlegungen. Daß ich ihm hierin, [obgleich] trotz der Verachtung, mit welcher i c h die Sache behandelte, endlich beystehen mußte, liegt nun einmal in meinem Verhältniß zu ihm, und in meiner Natur. Ueberdies boten // die Russischen Aktenstücke den reichlichsten Stoff zu kritischen Bemerkungen dar. Wir arbeiteten also gemeinschaftlich. Ungefähr die Hälfte der Noten sind vom Fürsten selbst geschrieben, von mir aber mehr oder weniger rectifizirt, und besonders g e m i l d e r t worden. Andre sind durchaus von meiner Composition. Das Russische Cabinet hat sie, ich hoffe es wenigstens, nie gesehen. Der Fürst versprach mir bestimmt, sie überhaupt möglichst geheim zu halten. Seine Erbitterung gegen Nesselrode ist sehr verzeihlich. Dieser Mensch hat sich gegen den Fürsten, der durch so viele Jahre seine Stütze und sein Wohlthäter war, schwer vergangen. Sollten Sie glauben, daß er seit Jahr und Tag sich nicht hat entschließen können, auch nur eine Zeile privatim an den Fürsten zu schreiben ? Lebzeltern, der ihn doch noch e i n i g e r m a ß e n entschuldigen mögte, gesteht selbst, daß er ihn in einem Zustande von rancune verlaßen hat, der keine Besserung versprach. Und das alles auf treulose Angebereyen von Pozzo, und auf eine Menge elender Commeragen des heimtückischen Tatischeff, des leichtsinnigen Caraman, // des braven, aber unüberlegten und indiscreten Hatzfeld ! Es sind W o r t e des Fürsten, weit mehr als Thaten, was ihn so aufgebracht hat. Lebzeltern ist mit seiner (wirklich schwangern) jungen Frau hier, und besucht mich oft. Es geht ihm <nicht> eben nach Wunsche. Seiner Ernennung zu dem Posten in Rom setzen sich Schwierigkeiten, die von Rom selbst ausgehen, entgegen. Vor der Rückkehr des Fürsten wird nichts beschlossen werden. So lange wird auch Lützow sich gedulden müßen, obgleich seine Ernennung nicht zweifelhaft ist. Der Prinz von Hessen ist mit seinen 6 begleitenden Kammerherrn über Warschau nach Moscau abgegangen.Die Präliminar-Artikel des Bucarester Traktates suchen Sie bey uns leider, umsonst. Den wichtigsten der Zwey G e h e i m e n A r t i k e l - habe i c h mir, bereits vor 12 Jahren, zu verschaffen gewußt; zum Unglück vergaß ich, denselben aus der Stadt mit heraus zu bringen, werde // ihn aber meinem nächsten Schreiben sicher beylegen. Ich besitze ein ziemlich voluminöses Memoire über die Unterhandlungen des Strogonoff in den Jahren 1816 et sqq. welches Baron Stürmer vor seiner Abreise von Constantinopel zusammen geschrieben hat, und welches mir jetzt manche gute Dienste leistet. Es scheint mir nur ein résumé seiner damaligen Depeschen zu seyn, die sich in Ihrem Archiv wohl finden müßen. Bombelles hat mit seinem Bericht vom 25 Juny (der Ihnen am 12ten d. mitgetheilt worden) eine Russische Karte der Caucasischen Länder eingesendet, die mir ein höchst willkommnes Geschenk war. Ich habe mich in die Frage des Asiatischen Littoral's auf alle Weise einzustudiren gesucht; aber es liegt für mich noch immer, Dank sey es der thörigten Reticenz der Pforte, und der Lügenhaftigkeit der Russen, ein großes Dunkel darüber; und ich besorge stark, daß Sie nicht viel mehr davon wissen als ich. Verhielte es sich anders, so würden Sie mich durch jede Mittheilung, die diesen // Gegenstand betrift, unendlich verbinden. Die Sache verliert ihr Interesse für mich keinesweges, wenn sie auch in den bevorstehenden Conferenzen unabgethan bleibt. Ich werde in jedem Falle nicht vor dem 15 August meine Reise nach Gastein antreten. Bis dahin werde ich mich also wenigstens noch zweymal Ihrer Freundschaft und Ihrem Andenken empfehlen können. Gentz P.S. der Fürst ist ganz der Meynung, daß dem Reis-Effendi ein Geschenk gemacht werden soll. Ich rathe Ihnen aber, immer und immer daran zu erinnern. Sonst fällt es gewiß wieder in Vergessenheit. Auf einmal erlangt man bey uns nichts, und zur rechten Zeit selten genug. Man muß aber nicht loslaßen. H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1826.g., Bl. 116-120v. x Bl., F: ; 10 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.