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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 4./5. April 1832, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 188-197v 1832

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1667
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Prokesch-Osten, Anton von
LocationWien
Date4./5. April 1832
Handwritten recordHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 188-197v
Size/Extent of item19 ¾ eighd. beschr. Seiten
Places of printProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, II, 98-102 (tlw.)
IncipitIch bin im Besitz Ihrer Briefe
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 4./5. April 1832 Wien den 4ten April 1832. Ich bin im Besitz Ihrer Briefe, Mein Geliebter Freund, vom 10ten, 16ten, 20ten, und 25ten v. M. An Stoff, Ihnen zehnmal so viel zu schreiben, fehlt es mir nicht; auch wahrlich nicht an gutem Willen; aber körperliches und geistiges Uebelbefinden, und wohl-begründete Rücksichten mancherley Art, halten diesem guten Willen das Gegengewicht. Seit einigen Wochen bin ich bestimmt krank, das heißt, ein allgemeines Mal-aise hat sich über meine ganze Organisation verbreitet. Heftige, wenn gleich nur kurze Brustkrämpfe, die seit mehrern Jahren [nicht] mir nicht so oft zusetzten, gesellen sich dazu, und sind z u m T h e i l wohl der Grund desselben. Außerdem aber ist auch mein Kopf angegriffen - Ich // mag Sie nicht mit der Beschreibung aller der Symptome betrüben, die mich ängstigen, und denen vielleicht auch meine trübe Gemüthsstimmung, mein Widerwille gegen das Alter (senectus ipsa morbus est) und meine Furcht vor dem Tode grellere Farben leihen als sie in der Wirklichkeit haben. Nachdem ich mich lange vor einem gründlichen Gespräch mit Türkheim g e s c h e u t hatte, weil ich keinen Trost, sondern vielmehr, niederschlagende Bemerkungen davon erwartete, mußte ich mich endlich dazu entschließen, habe mich nun auch seinen Vorschriften mit Gehorsam unterworfen, und seit drey Tagen meine Stube nicht verlaßen. Fanny, immer derselbe Engel, kömmt jeden Abend zu mir; ich v e r l i e r e folglich durch das Zuhause-bleiben nichts; und was ich dabey g e w i n n e, verstehen Sie, der Sie mein Innres und meine Lebensweise kennen, am besten zu berechnen. // Nie habe ich ein größres Bedürfniß, eine größre Sehnsucht nach dem Umgange mit Ihnen gefühlt, als jetzt; und unter meinen mannichfaltigen größern und kleinern Leiden, steht die Entbehrung dieses Umganges o b e n a n. Briefe, selbst in voller Freiheit geschrieben, was doch unter den jetzigen Umständen nicht seyn kan, sind für einen solchen Verlust eine erbärmliche Entschädigung. Da ich mich in mein Schicksal finden muß, so sollen Sie wenigstens nicht darunter leiden; und ich werde also diejenigen Punkte Ihrer Briefe, die für Sie ein Interesse haben können, kürzlich berühren.Ihre beyden letzten Briefe (vom 20ten und 25ten) habe ich dem Fürsten beynahe wörtlich vorgelesen, und, nach Seinem Befehl, aus ersterm einen reichlichen Auszug, von letzterm // eine Abschrift verfertigen laßen. Ihre Erzählung von Ihrem Gespräch mit dem Pabste, die ich auch einigen anderen Dilettanten, und heute früh Irenen mitgetheilt habe, gewährt Jedem der sie lieset, großes Vergnügen; die Einfachheit und Bescheidenheit der Form contrastirt nicht wenig mit dem Interesse des Inhaltes. Die Depeschen aus Rom vom 25ten (die heute angelangten vom 27 kenne ich noch nicht, und erhalte nur so eben Ihr Privatschreiben) haben mir zur großen Beruhigung gereicht. Die Art und Weise, wie die Päbstliche Regierung die fatale Frage, wegen der fernern Occupation von Ancona gestellt, die Bedingungen, die sie St. Aulaire vorgelegt, die Bereitwilligkeit, womit dieser alle Punkte (selbst den, daß mit dem Akt vom 12 Januar die Ein//mischung der Mächte in die innre Reform als geendiget zu betrachten sey) [auf] angenommen hat - das sind in meinen Augen, lauter [Beweise] Gründe, um die durch die Besetzung von Ancona entstandne Complication, die einen Augenblick so bedenklich aussah als abgethan zu betrachten. Ich bemerke wohl, daß Sie die Sache viel strenger nehmen, auch den Ausgang weniger zuversichtlich beurteilen, - was ich nur billigen kan, weil Ihnen in Ihrer Lage die strengste Correktheit immer zum Lobe angerechnet wird. M i r aber sey es erlaubt, in allen meinen Politischen Raisonnements die Aufrechthaltung des Friedens vorn an zu stellen, und dem Himmel zu danken, daß Europa wieder um eine Kriegesfrage ärmer geworden ist. Ehre und Satisfaction werden // ja die Franzosen bey dieser elenden Expedition ohnehin nicht einerndten; es ist und bleibt eine unwürdige Episode, woran sich die Pariser badauds ein Paar Wochen ergötzt haben, und die keine weitre Spur zurück laßen wird. Von der Belgischen Sache mögte ich nicht mit gleicher Zuversicht sprechen, obgleich auch diese neuerlich einige bedeutende Fortschritte gemacht hat. Unsre Ratification des Traktats vom 15ten November ist am 21ten v. nach London abgegangen, und wird dort, wie in Paris mit großer Zufriedenheit aufgenommen werden. Dagegen haben wir erfahren, daß Orloff am 24ten unverrichteter Sache vom Haag abgegangen ist; der Moment ist folglich // vor der Thür, wo man gegen den König von Holland Zwangs-Maßregeln beschließen muß; und ich wünsche, daß es lieber heute als morgen geschehe. Die Ernennung des Prinzen Otto zum Souverain von Griechenland ist ein Ereigniß, wobey ich gleich an S i e gedacht habe, und welches ich, in Rücksicht auf Sie, nicht aus den Augen verlieren werde. Sie wissen wohl, wie ich über Ihre Qualification zu j e d e m diplomatischen Posten denke. Ich verberge mir aber die Schwierigkeiten nicht, die einer baldigen, und Ihrer würdigen Anstellung entgegen stehen; und bin daher genötiget, die in Griechenland immer noch als Ihre günstigste Aussicht zu betrachten. Von diesem Punkte ausgehend, halte ich allerdings die Erscheinung eines Deutschen Prinzen an der Spitze von Griechenland für // eine nicht unwichtige Conjunktur; und, vorausgesetzt immer, daß man Sie zureichend und anständig dotire, würde mich dieser Zeitpunkt zur Realisirung Ihrer alten Perspective als besonders geeignet dünken. Die Sache selbst, scheint nach unsern Berichten aus München, keinen Zweifel mehr zu leiden. Der Prinz soll im Herbst die Reise antreten, und man sagt schon bestimmt, daß Heidecker sein Begleiter seyn wird. Der freudetrunkne Vater verlangt jetzt von den drey Höfen dieselbe Anleihe von 60 Millionen Franken, die sie dem Prinzen Leopold bewilligen wollten; Armansperg soll dieses Geschäft in London [oder] bearbeiten. Höchst sonderbar ist es, daß die Idee dieser Wahl nicht das Werk des Russischen, sondern des Französisch-Englischen Einflusses gewesen zu <seyn> scheint. Es heißt auch, die // Französische Garnison sollte einige Jahre in Morea bleiben, bis der neue Souverain sich selbst eine Armee gebildet haben würde. Sie lesen, wie sich von selbst versteht, die höchst merkwürdigen Artikel über Griechenland in der Allgemeinen Zeitung, und zweifeln wohl auch nicht, daß sie von Thiersch herrühren. Was mir in den neusten dieser Artikel besonders auffiel, waren die wiederholten Versicherungen, daß das Land, von dessen jetzigen Zustande die vorhergehenden Artikel ein so gräßliches Bild geliefert hatten, unter der Regierung eines Europäischen Prinzen sich in wenig Monaten in ein Paradies verwandeln würde. Ich bin sogar auf den Verdacht gerathen, daß er jene Schilderungen, obwohl sie gewiß wahr und treu sind, <einem leidenschaftlichen Philellenen aber viel Ueberwindung kosten mußten,> geflissentlich so schwarz // aufgetragen hatte, um zuletzt die Wohlthat eines fremden Prinzen desto schärfer heraus zu heben; und daß Thiersch den geheimen Wünschen des Königes von Bayern nicht fremd war, ist wohl evident. Ich bin daher auch weit entfernt, seinen Verheißungen der goldnen Zeit unbedingten Glauben beyzumessen. Doch gestehe ich Ihnen, daß sie Eine Seite haben, von welcher sie mir einleuchten. Da nehmlich heute in Griechenland kein einziger Mensch, und keine Partey ein entschiednes Uebergewicht hat, die für den Augenblick herrschenden verachtet und gehaßt, die offenbar Bessern in Mogera nicht stark genug sind, um die andern auszurotten, so ist es m ö g l i c h, daß ein gut berathner fremder Regent, leicht und in kurzer Zeit die Gewalt in seinen Händen concentrirte; und in diesem Falle würden S i e, dem es an Terrain-Kenntniß // und Geschicklichkeit sicher Niemand gleich thun würde, eine bedeutende Sphäre für Ihre Thätigkeit und für Ihren Einfluß finden.Irene ist diesem Projekt in hohem Grade abgeneigt. Nicht etwa des Landes wegen; sie ginge mit Ihnen zu den Irokesen, und fragte nicht einmal nach den Bedingungen. Aber Sie erschrickt, sie zittert vor dem Gedanken, daß Sie einen Ihnen in andrer Hinsicht nicht anziehenden, vielleicht sogar schweren Entschluß <bloß> aus dem Motiv, e i n e V e r p f l i c h t u n g a n i h r z u e r f ü l l e n, fassen könnten. Da sie mich nicht allein ermächtigt, sondern ausdrücklich a u f g e f o r d e r t hat, "Ihnen dies zu Gemüthe zu führen", so schreibe ich Ihnen wörtlich eine Stelle aus einem ihrer Billets an mich ab: - "Nichts in der Welt wird je im Stande seyn, mich dahin zu bringen, ein solches // O p f e r anzunehmen. Es giebt für ihn, mir gegen über, keine V e r p f l i c h t u n g, kan keine geben ! Nicht wahr, das begreifen Sie mit Ihrem so kräftig fühlenden Herzen ? Diese e i n g e b i l d e t e V e r p f l i c h t u n g die er auch in seinen Briefen an Pauline ausspricht, ist das verderblichste Hirngespinst, i h m nicht [xxx) minder gefährlich als m i r, die der Gedanke darum jedesmahl bis in die tiefste Seele schmerzt und betrübt." Ich suchte Sie einigermaßen zu beruhigen, indem ich ihr erklärte (was ich mit gutem Gewissen konnte) daß, unabhängig von allen Rücksichten auf sie, und ihre Verhältnisse, dem Plan, nach Griechenland zu gehen, eine Menge ganz p r a k t i s c h e r ganz p r o s a i s c h e r Considerationen mächtig das Wort redeten; daß i c h dies zwar nur in der Bitterkeit // meiner Seele gestände, jedoch die Menschen, und die Dinge, und den ganzen Complex der Umstände viel zu genau kennte, um bey längrer Fortdauer Ihrer jetzigen prekären Stellung auf ein bessres und glänzenderes Los für Sie zu zählen; daß ich es, alle Heiraths-Projekte bey Seite gesetzt, für viel R a t h s a m e r hielte, diesen Griechischen Posten (mit welchem ich Ihre Laufbahn k e i n e s w e g e s geschlossen glaubte) anzunehmen, sogar zu suchen, als noch einige Jahre lang in ängstlicher Erwartung und wenig befriedigenden, und schlecht gelohnten vorüber gehenden Missionen zu schmachten. Irene ist eins der edelsten, aber auch der unglücklichsten weiblichen Wesen, die mir je begegnet sind. Ein Mann, der leidenschaftlich liebt, // und nicht in gleichem Grade (das heißt mit andern Worten g a r n i c h t) wieder geliebt wird, findet in sich selbst, und in der Welt Ressourcen, die ihm sein Schicksal erträglich machen; und am Ende ist es doch auch schon eine hohe Befriedigung, die, welche man liebt, wenn man auch nicht wieder geliebt wird, so glücklich als möglich zu machen. Ein Mädchen aber ist für diesen Ersatz weniger empfänglich, weil sie ewig von der Besorgniß gequält wird, daß dem Manne, den sie liebt, das Beste fehlt, wenn sie i h r Gefühl nicht zu dem seinigen machen kan. Deshalb schwankt Irene unaufhörlich zwischen den brennendsten Wünschen und der vollkommensten Bereitwilligkeit zu jeder Resignation; und es ist unvermeidlich, daß dieser gewaltsame // Zustand durch I h r e Zweifel, und I h r e Skrupel genährt und gesteigert werden muß. Ihre beyderseitigen Verhältnisse zu Pauline, die ich übrigens nicht beurteilen will, da ich sie nicht kenne, scheinen eine neue, und schwer zu lösende Verwicklung in die Sache gebracht zu haben. Irene war, wie Sie wissen, seit mehrern Wochen sehr leidend. An und für sich war ihre Hals-Entzündung kein gefährliches Uebel, und nach allem, was ich weiß, war ihre Brust nicht wesentlich davon angegriffen. Daß es ihr aber an Lebensluft fehlt, und daß die innre Bewegung ihre Kräfte aufreiben muß, ist klar. - Mein sehnlichster Wunsch wäre Ihre baldige Rückkehr, und dann - ein entscheidender Entschluß, sowohl über Ihre, als // über Irenens Zukunft. Sie d ü r f e n nicht mehr in das Fieber des Mißmuths verfallen, in welchem ich Sie nun schon zweymal gesehen habe, und welches Ihnen sicher wieder bevorsteht, wenn Sie nicht mit Ernst und Nachdruck auf eine feste Stellung - sollte sie auch nur unvollkommen Ihren Wünschen entsprechen - dringen. Sobald Sie dies erreicht haben, werden Sie auch in Bezug auf Irene eine Partie ergreifen können; und Sie besitzen Edelmuth und Standhaftigkeit genug, um diese, w i e sie auch ausfallen mag, entweder zur vollkommensten Befriedigung Ihrer Freundin, oder - wenn dieser Ausgang Ihnen unerreichbar schiene, zur möglichst sanften und schonenden Auflösung des bisherigen Verhältnisses durchzuführen. // Donnerstag 5ten April Ich habe heute früh, Ihrem Auftrage gemäß, den Brief, der Irenen an ihrem Nahmenstage zukommen sollte, nebst meinem Glückwunsche abgesendet. Daß ich keine Antwort darauf erhalten, läßt mich besorgen, daß sie wieder das Bette hüten muß. Gestern Abend erhielt ich, als meine liebe Fanny bey mir war, einen Zettel von Irene, der mit den Worten schloß: "Grüßen Sie die Holde innig von mir, und sagen Sie ihr, daß ich sie verehre und für d a s g l ü c k l i c h s t e G e s c h ö p f der Erde halte." Hierüber engagirte sich zwischen Fanny und mir folgender Dialog: I c h. Wundre Dich nicht über diese Aeußerung; sie entspricht dem Gefühl einer Person, die k e i n h ö h e r e s // G l ü c k kennt, als geliebt, und zwar im vollen Sinne des Wortes, geliebt zu werden. F a n n y. Das gebe ich zu. sie hat aber Recht, wenn sie mich für g l ü c k l i c h hält; denn ich weiß nicht wie ich g l ü c k l i c h e r s e y n könnte." Da fiel mir der Vers eines Fabel-Dichters ein: Oh Weisheit, Weisheit, Du redest wie eine Taube !Warum streben die A d l e r stets nach unbekannten und unerreichbaren Gütern ? Warum denkt mein Prokesch nicht wie meine Fanny, und nimmt, nachdem er das H ö c h s t e gefunden hat, von allen eiteln Sorgen und Grübeleyen Abschied ? - Doch auch dies war nur die Regung eines Augenblicks. Ich weiß recht gut, daß ich Unmögliches wünsche. Durch eine Stelle eines Ihrer frühern Briefe veranlaßt, habe ich den Versuch gemacht, Victor Hugo's // Notre Dame zu lesen. Ich habe es aber nicht weiter bringen können, als die drey ersten, und das letzte Capitel hinunter zu würgen, und, nachdem dies geschehen, den feyerlichen Entschluß gefaßt, mich nie wieder mit einem Französischen Romantiker einzulaßen. Das A e t z e n d e in einzelnen Produkten dieser Schule, wird mit der Gemeinheit, Plattheit, und Geschmacklosigkeit des Ganzen zu theuer erkauft. Göthe's Tod hat mich sehr affizirt. In den Details desselben liegt viel rührendes; dieser Mann war bis an sein Ende v o l l k o m m e n g l ü c k l i c h. Was das Leben werth seyn k a n, läßt sich also an ihm am besten abmessen. Und was ist das Facit ? Ich bin immer noch unwohl und mißvergnügt, habe heute den Versuch gemacht, auszufahren, bin aber diesen Abend durch eine böse Stunde dafür bezahlt worden, und nun fest entschlossen, mich durch einige Tage ruhig zu verhalten - Sie haben mir bisher so fleißig geschrieben, daß es keiner weitern Aufforderung an Sie bedarf. Sondern Sie nur in Ihren Briefen das Politische von dem Persönlichen sorgfältig ab, und gehen Sie immer davon aus, daß, obgleich beydes, a u s I h r e r F e d e r, mich lebhaft interessirt, doch das letzte ein für allemahl das Anziehendste und wichtigste bleibt Gentz H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 27, , Bl. 188-197v. x Bl., F: ; 19 ¾ eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, II. 98-102 (tlw.).