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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 19. August 1828, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 38-42 1828

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1419
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Prokesch-Osten, Anton von
LocationWien
Date19. August 1828
Handwritten recordHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 38-42
Size/Extent of item9 eighd. beschr. Seiten
Places of printProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 166-170 (tlw.)
IncipitIch erhielt am 9ten d. Ihr Schreiben
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 19. August 1828 Wien den 19 August 1828. Ich erhielt am 9ten d. Ihr Schreiben vom 18 v. M. und am 11ten das viel ältre vom 22 Juny. Beyde waren mir lieb und werth, wie alles was von Ihnen kömmt. Ihre Apostrophe an die Türken (die ich ins Französische übersetzt habe, und, nebst den Aphorismen am Schlusse des Aufsatzes: Z ü g e u n d G e g e n - Z ü g e, dem Herzog von Wellington mittheilen laße) hatte außer ihrem eigenthümlichen Werthe, auch deshalb noch ein besondres Interesse, weil es wirklich [den] immer mehr und mehr den Anschein gewinnt, als ob die Türken nach Ihren weisen Rathschlägen handelten; sie sind unerwartet stark, sowohl in Widdin, als in Schumla und Varna, und verteidigen sich auf diesen Punkten tapfer, während die Russen, mit zahllosen Hindernissen und Wiederwärtigkeiten kämpfend, des Krieges schon müde zu werden beginnen. Mit nicht geringem Erstaunen vernahmen wir gestern, daß der Kayser am 8ten d. M. höchst unerwartet in Odessa angekommen war. Die // Motive dieses Entschlusses sind uns noch nicht bekannt. Ein heute eingegangner Courier von Lord Heytesbury aus Babadagh vom 5ten d. bringt uns die Nachricht, daß er Tags zuvor, nahe bey Karasu durch einen Feldjäger ein Schreiben von Nesselrode erhielt, mit der Einladung, sich nach Odessa zu begeben, wohin Seine Majestät sich verfügt hätten, "parce que pendant quelque tems les opérations militaires seroient m o i n s a c t i v e s"; worauf Lord Heytesbury mit tausend Freuden umkehrte. Auch er konnte unterwegens durchaus nicht erfahren, wie es bey der Armee, oder im Hauptquartier aussah. Vom Prinzen von Hessen <der 8 bis 10 Tage vor Heytesbury die nehmliche Promenade machte,> haben wir kein Wort. Nach einer dem Lord Heytesbury zugekommnen Erzählung, soll er, obgleich von 300 Mann escortirt, angefallen worden seyn, und ein Theil seiner Escorte ins Gras gebissen haben. Das absolute Stillschweigen von allen Seiten - die letzten Nachrichten in zweydeutigen Bulletins gingen bis zum 23 July - läßt errathen, daß es <mit> den Russen nicht glänzend stehen mußte. Nach sehr zuverläßigen Daten standen nicht // mehr als 45,000 Mann vor der Position von Schumla; 12000 vor Varna; 12 bis 15000 vor Silistria. Diebitsch soll mit 6 Bataillons, etwas Cavallerie und Artillerie und einigen 1000 Arbeitern die Straße von Paravadi nach dem Balkan eingeschlagen haben. Ueber diesen Marsch zerbrechen wir uns nicht wenig die Köpfe. Es ist jetzt kaum mehr zu bezweifeln, daß die Türken bey Schumla über 100,000 Mann stark sind, obgleich Niemand begreift, wo sie hergekommen seyen. Die Abreise des Kaysers, hat also wahrscheinlich ihren Grund in der Ueberzeugung, daß seine Armee nicht stark genug ist, um diese Position zu bezwingen, und daß er Verstärkungen abwarten muß. 3000 Mann von der Garde sind in den letzten Tagen des July über die Donau (auf der Notabene bis jetzt e i n z i g e n Brücke bey Isatschka; denn weder bey Oltenitza noch bey Hirshowa konnte eine zweyte zu Stande gebracht werden) gegangen [seyn], denen in 8 Tagen 25,000 Mann folgen sollten. Ich gäbe viel, um das Bild zu sehen, welches Sie Sich aus diesen, freylich unvollkommnen Elementen construiren werden. // Von der andern Seite eröfnet sich in Ihrer Nähe der Schauplatz großer Begebenheiten. Die Französische Expedition nach Morea ist wirklich beschlossen. Allem Vermuthen nach wurde sie mit Rußland längst verabredet; das Englische Ministerium schien nichts davon hören zu wollen, hat aber - in einem unbegreiflichen Acceß von Verblendung, oder Muthlosigkeit - zuletzt seine völlige Zustimmung erteilt. Der alte Ruhm Englands scheitert an der Klippe, vor der ich längst gezittert habe. Nicht der Widerstand der liberalen Faction, noch das Geschrey der ihr ergebnen Journalisten - nichts als die Furcht vor großen Geld-Ausgaben, im Angesicht einer Staatsschuld, die jetzt, nachdem man unverantwortlicher Weise den Tilgungs-Fonds fast auf nichts reduzirt hat, wie ein colossaler A l p auf der Einbildungskraft der Nazion lastet, und die Meynung des Herzoges daß er nur durch die strengste Oekonomie einen gewissen Grad von Popularität erlangen, und behaupten kan, lähmt die Regierung. So sind die Mächtigen gesunken ! // Dagegen erhebt sich nun auf einmal - wie wenn ein Bettler einen reichen Oheim in Ostindien beerbt - das Französische Cabinet, aus dem Abgrunde von Ohnmacht, in welchen die täglich siegreichere revoluzionäre Partey es gestürzt hatte, und strebt, so lächerlich dies auch scheinen mag, nach der ersten politischen Rolle in Europa. Sie dürfen nur einen Blick auf das erste beste Französische Journal werfen, um zu sehen, bis zu welchem Fanatismus des Eigendünkels diese Expedition die Französischen Köpfe hinaufschraubt. Es ist gewiß so, daß die erste Division nicht über 7 bis 8000 Mann, das Ganze nicht über 12 bis 14000 stark seyn wird. Welche abentheuerliche, und vielleicht heillose Projekte sie mit dieser Armee meditiren, ist jetzt freylich noch bloße Poesie, kan sich aber noch ernsthaft und gefahrvoll genug gestalten.In jedem Fall erhält nun Ihr Observations-Posten eine neue Wichtigkeit; denn wie viel muß uns daran gelegen seyn, das Treiben dieser Franzosen zu kennen und zu verfolgen ! Was ich zunächst ergründen mögte, ist die eigentliche Stellung Capodistrias in // Bezug auf die Französische Expedition. Früher haben Sie mir gemeldet, Er sey jeder Erscheinung fremder Truppen in Morea abgeneigt, und, ich weiß nicht genau ob in Ihren oder andern Berichten, habe ich sogar gelesen, Er würde sogleich sein Amt niederlegen, wenn fremde Truppen Mine machten zu landen. Dagegen hat Laferronays und sein dermaliger Stellvertreter Rayneval Unserm Botschafter wiederholt versichert, "Capodistrias bitte und flehe um Beschleunigung der Französischen Expedition; er halte sie für das einzige Mittel Mo r e a z u r e t t e n ?" Mir scheinen alle diese Angaben erdichtet zu seyn; dies folgre ich auch noch aus dem, was Sie in Ihrem Schreiben vom 22 Juny von der Unterredung zwischen Capodistrias und Le Blanc sagen. Schändlich ist aber die Unwissenheit worin man über dergleichen wichtige Data in England lebt. Von Ihnen allein, Mein Werther Freund, erwarte ich zusammenhängende Aufschlüsse über die letzten Unterhandlungen // mit Ibrahim Pascha, und über die den Französischen Argonauten wahrscheinlich bevorstehenden Schicksale. Ich habe den Courier de Smyrne bis inclusive Nr. 22. Die neusten Artikel sind wieder so vortreflich daß ich mir fast vorwerfe, Sie in meinem letzten Briefe so alarmirt zu haben. Sie werden Sich indeß dadurch nicht irren laßen. Wahr ist, daß die Russen gegen uns Oesterreicher so voll Mißtrauen und Erbitterung sind, daß sie uns alles zuschreiben, was auf irgend einem Punkte der Welt für sie ungünstiges gethan, geschrieben, auch nur gedacht werden mag; und daß sie nicht längst über den Courier de Smyrne, und Ihre präsumirte Mitwirkung dabey, großen Lärm geschlagen haben, hat mich schon oft verwundert. Ich wäre aber untröstlich, wenn Sie, meiner Warnungen halber, auch nur einen guten Artikel weniger lieferten. Sehr gerne würde ich mich für den mir so dringend empfohlnen Herrn Kaltenegger verwenden, wenn ich nur für den Augenblick einen // wirksamen Canal wüßte. Ich kenne aber bey der Obersten Justitz, von welcher doch wohl die Stelle in Görz ressortirt, keinen Menschen, und den Staats-Rath von Münch bey weitem nicht genau genug, um bey ihm direct etwas zu suchen. Allein der Bruder des letztern, der Bundestags-Präsident in Frankfurt, der einer meiner vertrautesten Freunde ist, muß in kurzem hier ankommen; und wenn dann noch Zeit dazu ist, werde ich gewiß alles aufbieten, um Ihren Wunsch zu befördern. Wenn das, was Sie unmittelbar angeht, noch immer im Rückstande ist, so bitte ich Sie, fest überzeugt zu seyn, daß die Schuld nicht an mir liegt. Ich hatte vor 5 oder 6 Tagen, bey Gelegenheit Ihrer letzten Briefe und Berichte zu Waltersdorff ein langes Gespräch mit dem Fürsten, worin er mir auftrug, Ihnen die schmeichelhaftesten Versicherungen nebst einigen Ermahnungen zur Geduld, zu wiederholen, zuletzt aber bestimmt erklärte, er werde Ihnen unverzüglich selbst schreiben. Ob er dies gethan, werde ich Morgen in Waltersdorff erfahren. Es geht morgen Abend ein Lieutenant vom Generalstabe (ich glaube, Pot heißt er) nach Constantinopel, um die Antwort des Lord Wellington auf das Schreiben des Reis Effendi hinzubringen. Das Aktenstück selbst verdient kaum bis nach Schwechat gesendet zu werden ! Wir hoffen aber durch diesen Offizier einige Nachrichten von dem Zustande der Länder und // der Militärischen Physiognomie derselben zu erhalten. Ich habe dem Internuncius anheim gegeben, ob er ihn nicht instruiren könnte, bey seiner Rückkehr einen Seitenweg zu nehmen, und von Adrianopel über Ternova zu gehen, und so zugleich, wo möglich, etwas bestimmteres über die Anstalten bey Schumla zu erfahren. Vielleicht werden Sie mich mit diesem plan de campagne auslachen. Ihre militärischen Memoires haben aber so stark auf mich gewirkt, daß meine Augen jetzt fortdauernd auf dem M a r i t z a T h a l ruhen. Ueberhaupt fange ich an, den Zug der Russen nach Constantinopel als einen reinen Roman zu betrachten, glaube auch steif und fest, daß weder der Kayser, noch Diebitsch ernstlich diesen Plan gehabt haben. Ich muß endigen. Schreiben Sie mir so viel als Sie nur immer können. Das Lesen Ihrer Briefe ist heute das angenehmste Geschäft Ihres sehr ergebnen Gentz H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 27, , Bl. 38-42. x Bl., F: ; 9 eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 166-170 (tlw.).